» … Und fange bei uns an.«

14. August 2011

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war dunkler als andere Nächte. Im Deutschen Reich brannten Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden zerstört. Hunderte, Tausende Juden wurden festgenommen, misshandelt, getötet. Eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte fand in der so genannten »Reichspogromnacht« seine fatale Fortsetzung.

Wenige Stunden später setzte sich in Oberlenningen am Fuß der Schwäbischen Alb Gemeindepfarrer Julius von Jan an seine Predigt für den kommenden Buß- und Bettag.

Julius von Jan war im Ersten Weltkrieg Soldat gewesen. Es heißt, er habe sich 1914 freiwillig gemeldet für die Front, voller Tatendrang für das deutsche Vaterland.

1917 endete der Tatendrang in britischer Kriegsgefangenschaft. Auch die patriotisch-nationale Gesinnung des jungen Julius von Jan muss damals zerbrochen sein. Ob er deshalb im Rückblick von einer »gesegneten Erweckungszeit« sprach?

Julius von Jan studierte Evangelische Theologie, wurde Pfarrer. 1933, bald nach der Machtergreifung Hitlers, trat er der Bekennenden Kirche bei, – jener Gruppe von Kirchenleuten also, die der Nazi-Ideologie entschieden widersprach. (Was in der Kirche damals eher eine Ausnahme blieb …)

… dieser Julius von Jan also machte sich an die Predigtvorbereitung für den Buß- und Bettag 1938. Wie beginnt man da eigentlich? Ein kleiner Blick hinter die Kulissen … Man liest den Predigttext. Auch damals schon war der Predigttext landeskirchenweit vorgegeben, also in jeder Gemeinde derselbe. Julius von Jan schlug das Alte Testament auf, das Jeremiabuch. Und im 22. Kapitel, da las er nur einen einzigen Vers. Jeremia 22, Vers 29:

O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

»[H]öre des Herrn Wort!« Dieser Vers war zunächst wie ein allgemeiner Auftrag an Julius von Jan. Denn: »[H]öre des Herrn Wort!«, – das ist ja die Aufgabe für jeden Prediger, für jede Predigerin, in jeder Predigtvorbereitung. Das ist geradezu der Sinn einer Predigt! Eine Predigt bringt unsere Worte und die Worte der Welt mit dem Wort Gottes zusammen. Und sie fasst in Worte, was dann passiert.

… damals, in Julius von Jans Predigt, ist so einiges passiert bei diesem Zusammentreffen menschlicher und göttlicher Worte. Denn: »[H]öre des Herrn Wort!«, – dieser Vers hat auch eine spezielle Bedeutung, im Zusammenhang des Jeremiabuchs. Julius von Jan forschte nach: Worum genau geht es dort? Worum ging es dem Propheten Jeremia bei seinem Ausruf?

»Prophet«. Wir heute verstehen darunter meistens eine Art »Vorhersager«. Wir beschäftigen »Wetterpropheten« oder »Börsenpropheten«, die in die Zukunft blicken sollen.

In der Bibel sind Propheten keine »Vorhersager«, sondern eher – man könnte sagen – »Hervorsager«. Propheten, – das sind Menschen, die den Willen Gottes begreifen und sagen, in ihre Gegenwart hinein.

… genau das tat Jeremia im sechsten und siebten Jahrhundert vor Christus. Israel, – das war ein Volk, das den Willen Gottes eigentlich von Grund auf kannte. An den Zehn Geboten sieht man das vielleicht am Eindrücklichsten. Gottes Ratschläge für ein gelingendes Leben!

Aber Jeremia muss mit ansehen, wie Gottes Gebote mit Füßen getreten werden. Wie die Armen in den Staub getreten werden, – und die Reichen Reichtümer anhäufen. Wie die Herrscher größenwahnsinnige Alleingänge unternehmen – und die Existenz ganz Israels gefährden. Von den staatlich angestellten Priestern im Tempel wurde das alles rhetorisch gewandt abgenickt und abgesegnet.

Fast 30 Jahre lang hat Jeremia gegen das Unrecht protestiert. Im 22. Kapitel nun, da unternimmt er einen neuen Anlauf. Da tritt er in das Haus des Königs – und schleudert ihm entgegen:

So spricht der Herr: Schaffet Recht und Gerechtigkeit und errettet den Bedrückten von des Frevlers Hand und bedränget nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemand Gewalt an und vergießt nicht unschuldiges Blut an dieser Stätte. (Jeremia 22,3)

Verzweiflung spricht aus diesem Ruf – und letzte Entschlossenheit.

… doch wieder wird Jeremia nicht gehört. König Schallum lässt den unbequemen Propheten links liegen. Sein Nachfolger, König Jojakim, verfolgt Jeremia gar. Und dessen Nachfolger, König Konja, hat seinen Thron kaum bestiegen, als er in die Hände der Feinde fällt.

… und dann schreit Jeremia:

O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!

All das las Julius von Jan in seiner Predigtvorbereitung. Und es war so, als ob er in der deutschen Geschichte blätterte. Die Grenzen zwischen Jeremias Zeit und seiner eigenen Gegenwart, – sie verschwammen. Missachtung göttlicher Gebote, Unrecht, … – das Wort Gottes war topaktuell, bis in die Details hinein.

Ob Julius von Jan nach der Reichspogromnacht auch den 74. Psalm im Ohr hatte? Wo es heißt:

Sie verbrennen dein Heiligtum, bis auf den Grund entweihen sie die Wohnung deines Namens. Sie sprechen in ihrem Herzen: Lasst uns sie ganz unterdrücken! Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande. (Psalm 74,7f.)

Viel später, im Rückblick, hielt Julius von Jan fest:

Welchen Christenmenschen hätten solche Schandtaten nicht erschüttern müssen! In diesen Tagen wurde es mir innerlich klar, dass längeres Schweigen Sünde wäre.

Die Oberlenninger Kirche war vollbesetzt am Mittwoch, den 16. November 1938, am Buß- und Bettag. Pfarrer Julius von Jan sei totenbleich gewesen, so erzählte man es sich später. Aber von der Kanzel, in seiner Predigt, da sprach er entschieden und klar. Ich lese einen Abschnitt vor:

Warum wirst du dem treuen Gott untreu? Warum achtest du seine Gebote nicht mehr? […] O Land, liebes Heimatland, höre des Herrn Wort! In diesen Tagen geht durch unser Volk ein Fragen: Wo ist in Deutschland der Prophet, der in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen? Wo ist der Mann, der im Namen Gottes und der Gerechtigkeit ruft, wie Jeremia gerufen hat: Haltet Recht und Gerechtigkeit, errettet den Beraubten von des Frevlers Hand! Schindet nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen, und tut niemand Gewalt und vergießt nicht unschuldig Blut? [Jeremia 22,3]

Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. Die aber, die in der Fürsten Häuser kommen und dort noch heilige Handlungen vollziehen können, sind Lügenprediger wie die nationalen Schwärmer zu Jeremias Zeiten und können nur Heil und Sieg rufen, aber nicht des Herrn Wort verkündigen.

Wenn nun die einen schweigen müssen und die andern nicht reden wollen, dann haben wir heute wahrlich allen Grund einen Bußtag zu halten […].

War es Julius von Jan, der diese Predigt hielt? Oder zugleich Jeremia? Man kann es gar nicht so klar sagen. Auch diese zeitliche Grenze verschwamm in der Jahrhundertpredigt vom 16. November 1938. Julius von Jan spürte Gottes Auftrag an Jeremia auch in sich und an sich selbst. Und er wurde selbst zum Propheten.

Julius von Jan kannte auch das Schicksal Jeremias. Den hat Gottes Auftrag fast zerbrochen. Innerlich und äußerlich.

Auch Julius von Jans Ergehen erinnert an Jeremia. Neun Tage später wurde sein Pfarrhaus mit Plakaten beklebt. »Judenknecht«, höhnten sie. Die SA kam. Julius von Jan wurde schwer misshandelt. In den folgenden Jahren hatte er zahlreiche Einschränkungen hinzunehmen, übrigens auch durch seine eigene Kirchenleitung. Den gezielt eingefädelten Einsatz an der Ostfront 1943 überlebte er, wie durch ein Wunder.

Julius von Jan, – eine kantige Pfarrer-Persönlichkeit, die »des Herrn Wort« mutig ins Land brachte.

Damals, 1938, war Julius von Jans Predigt kantig. Alles andere als selbstverständlich. »Hätte es damals nur noch mehr solche Menschen gegeben!«, klagen wir vielleicht. Im Rückblick leuchtet uns Julius von Jans Widerstand gegen das NS-Regime ein. Im Rückblick ist dieser Teil seiner Predigt nicht mehr »kantig“, sondern einleuchtend und nachvollziehbar. Gott sei Dank.

… eine Schattenseite hat das allerdings: Wir könnten auf die Idee kommen, die Predigt sei nur noch historisch interessant. Es ging ja um die Menschen damals, im Dritten Reich. Und, vor allem: Julius von Jan hatte doch nur ganz bestimmte Leute im Visier. Die Nazi-Despoten und ihre Schergen! Die Urheber und Täter der Reichspogromnacht! Wir selbst, wir sind ja auf der richtigen Seite. Auf der Seite von Jan und Jeremias. Wir selbst sind gerecht! Selbstgerecht …

Diese klare Sicht der Dinge, diese Trennung zwischen »den Bösen« und uns, den Guten, – sie zerrinnt uns zwischen den Fingern, wenn wir weiterlesen in Julius von Jans Predigt. Es gibt noch etwas Zweites in seiner Jahrhundertpredigt, – und das macht ihn bis heute kantig und aktuell.

Ich lese einen weiteren Auszug vor:

Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet […].
Ja, es ist eine entsetzliche Saat des Hasses, die jetzt wieder ausgesät worden ist. Welche entsetzliche Ernte wird daraus erwachsen, wenn Gott unsrem Volk und uns nicht Gnade schenkt zu aufrichtiger Buße.

… keine Spur von einer Trennung! Da sind nicht dort »die Bösen« und hier »wir Guten«! Julius von Jan unterscheidet auch nicht zwischen Deutschland und den Christen in seiner Gemeinde! »Wir«, heißt es dort dauernd. »[U]nsrem Volk und uns« soll »Gott Gnade« schenken! Julius von Jan nimmt also auch sich selbst mit hinein in die Kritik. Er predigt nicht als der große Held, der das Schicksal seines Landes aus der Vogelperspektive analysiert. Julius von Jan sieht sich selbst mit in der Verantwortung. Ob er das Unheil noch früher hätte erkennen können? Ob er noch früher etwas hätte sagen müssen?

Diese Bescheidenheit hat Julius von Jan auch nach dem Krieg geprägt. 1949 kam er nach Zuffenhausen. Es gibt noch einige wenige Zeitgenossen, die Julius von Jan damals persönlich erlebt haben. Mein Kollege Roland Spur hat sich mit ihnen unterhalten. Offenbar hat Julius von Jan nie von seinem mutigen Widerstand erzählt! Er hat seine Jahrhundertpredigt nie an die große Glocke gehängt, – was ja gut möglich und naheliegend gewesen wäre. Überhaupt war Julius von Jan ein sehr zurückhaltender Typ, alles andere als mitreißend.

Erst 1957 hat sich Julius von Jan überhaupt zu den Geschehnissen von damals geäußert, im Stuttgarter Evangelischen Sonntagsblatt. Über die Täter von damals berichtet er überraschend neutral, ohne Verbitterung und ohne Abscheu.

… das ist es, was Julius von Jan auch für uns heute »kantig« macht. Seine Predigt fordert uns heraus, Unrecht zu benennen, … aber dabei auch uns selbst mit hineinzunehmen in die Kritik! In einem letzten Auszug aus der Predigt wird das noch deutlicher:

O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Höre jetzt endlich! Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? [Römer 2,4] […] [Es] ist uns der Bußtag ein Tag der Trauer über unsere und unsres Volkes Sünden, die wir vor Gott bekennen, und ein Tag des Gebets: Herr, schenk uns und unsrem Volk ein neues Hören auf dein Wort, ein neues Achten auf deine Gebote! Und fange bei uns an. Wir gehen so gern eigene Wege. Wir tun so vielerlei und nehmen uns so wenig Zeit zu der Stille, in der wir des Herrn Wort vernehmen dürften, sei’s im Gottesdienst, sei’s im Kämmerlein. Darum geht so mancher Tag dahin, ohne daß wir Gott unsern Herrn sein ließen […].

»[F]ange bei uns an.« Für mich ist das der stärkste Satz in Julius von Jan Predigt. Nicht: »Fange bei der Regierung an.« Oder: »Fange bei den Polizisten an.« Oder auch: »Fange bei den Nachbarn nebenan an.« Nein. »[F]ange bei uns an.«

»Buße«, das ist das biblische Wort für Umkehr zu Gott. Buße geschieht, wenn Menschen ihre Wege als falsch erkennen – und umkehren zu Gott. Wenn Menschen sich von Gottes Wort ansprechen und hinterfragen lassen.

… und nach Julius von Jan ist Buße nun eben nichts für »die anderen«. Nichts, was wir selbstgerecht von uns weg weisen können. Auch wir sind gefragt, umzukehren.

Vergleiche mit dem Unrecht im Dritten Reich sind nicht möglich. Aber: Fehlentwicklungen im großen Ausmaß, für die auch wir Verantwortung mittragen, – das gibt es immer noch, glaube ich.

Ostafrika hungert. Zehntausende Menschen sind schon gestorben. Was sind die Gründe? Wir sind sehr schnell darin, die Probleme vor Ort auszumachen. Unfähigkeit der afrikanischen Regierungen. Korruption. Schlechte Logistik. Aber bleibt es ohne Auswirkung, dass wir in Deutschland so wenig für Lebensmittel bezahlen wie nie zuvor? Dass wir Unmengen wegwerfen, um unseren Markt stabil zu halten? Meinen wir wirklich, wir könnten so verschwenderisch leben, ohne dass es anderen Menschen schlechter geht? »Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet«, sagt Jean Ziegler.

Die Welt versinkt im Krieg. Fast 1.000 Milliarden Euro werden jährlich in Waffen investiert. Und Deutschland verdient kräftig mit. Auch im sauberen Stuttgart wird eifrig produziert. … und sind daran nur die Politiker schuld? Oder Geschäftsleute? Wir haben fast alle Geld angelegt, auf Sparbüchern, in Aktien, als Altersvorsorge, … Haben wir schon mal nachgefragt, wo genau das investiert wird? Haben wir mal nachgehakt bei unserer Bank?

Keine Frage, – es gab Gründe, Paragraph 218 des Strafgesetzbuchs zu überarbeiten, vor vier Jahrzehnten. Durchaus auch gute Gründe. Das ändert aber nichts daran, dass Jahr für Jahr über 100.000 Kinder im Mutterleib getötet werden. Die wenigsten aus rein medizinischen Gründen. »Weggemacht«, weil es nicht ins Leben passt. Auch in Zuffenhausen. Haben wir uns gewöhnt an diesen Skandal? Betrifft es uns noch?

… nur drei Beispiele. Vielleicht helfen sie Ihnen, persönlich weiterzudenken. Sich vom Wort Gottes hinterfragen zu lassen. Und umzukehren. Denn dazu rufen uns Gott und Julius von Jan auch heute auf.

Du aber o Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Amen.

Predigt, gehalten am 14. August 2011 im Gottesdienstraum In der Sandgrube Stuttgart-Zuffenhausen und in der Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen, im Rahmen der Zuffenhäuser Sommerpredigtreihe 2011: »Kantige Zuffenhäuser Pfarrer-Persönlichkeiten«.

 

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