Wicked

10. Juni 2008

Dank eines großzügigen Gutschein-Geschenks waren wir letzten Donnerstag im Stuttgarter Palladium-Theater – in »Wicked«. Das Musical mit dem unübersetzbaren Titel – Untertitel: »Die Hexen von Oz« – basiert auf einem Roman von Gregory Maguire, der wiederum Bezug nimmt auf Lyman Frank Baums Buch »Der Zauberer von Oz«. Als Kind habe ich diesen Klassiker mal gelesen – und dass mir so gut wie alle Details noch vertraut sind, spricht sehr für den Autor, dessen Schreibstil übrigens verdächtig an C.S. Lewis erinnert.

Das Musical beginnt mit dem Sieg über die böse Hexe des Westens – das ist der triumphale Schlusspunkt in »Der Zauberer von Oz« –, mündet dann aber in einen umfassenden Rückblick: Was geschah eigentlich vorher? (Wer jetzt wieder an C.S. Lewis denkt, liegt ganz richtig – in »Das Wunder von Narnia« passiert ja im Prinzip dasselbe.)

Das Fesselnde an der Sache ist nun, dass der Inhalt des ersten, ursprünglichen Buchs – »Der Zauberer von Oz« – Stück für Stück umgedeutet (oder soll ich sagen: verhext?!) wird. Dabei geht es durchaus auch an theologische Grundfragen. Die »böse Hexe« des Westens, Elphaba, ist eigentlich eine sympathische Außenseiterin, die von ihren Gegnern systematisch ausgegrenzt wurde. Ober-Bösewicht ist dabei niemand Geringeres als der Zauberer von Oz, der zwar letztlich immer noch etwas harmlos-sympathisch wirkt – wie in »Der Zauberer von Oz« –, aber eben doch bewusst den Weg des Verrats gewählt hat. Der Blechmann ohne Herz – in »Der Zauberer von Oz« beherzter Kämpfer gegen das Böse – ist eigentlich völlig zu Recht verzaubert worden. Und zur eigentlichen tragischen Gestalt verkommt die ursprüngliche Sympathieträgerin Dorothy, Protagonistin in »Der Zauberer von Oz«: Mit ihrem »Sieg« über Elphaba vollendet das Kind aus dem kanadischen Kansas den Plan des bösen Zauberers und seiner Handlanger.

»Sieg« allerdings in Anführungsstrichen: Eigentlicher Höhepunkt ist die Erkenntnis, dass Elphaba in Wahrheit am Leben geblieben ist – gerettet ausgerechnet von der Vogelscheuche ohne Verstand, die in »Der Zauberer von Oz« zur Gefolgschaft Dorothys gehört, sich aber in »Die Hexen von Oz« als Elphabas verzauberter Geliebter Fiyero entpuppt. So bleibt das Gute also doch am Leben – und zumindest der Zauberer von Oz wird aus dem Verkehr gezogen – samt Hofstaat. Wovon allerdings nur die Zuhörer des Musicals erfahren, nicht die Bürger von Oz… Potenzial für einen dritten Roman (samt Musical?!) gäbe es also noch… Wer weiß, vielleicht ist die Hexe am Ende doch wieder böse?!

 

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