Werkgerechte Vereinnahmung

30. September 2009

»Einen Text gegen den Strich bürsten« – es scheint eine neue Marotte geworden zu sein, mit dieser plastischen Metapher die individuelle Umdeutung und Vereinnahmung biblischer Gleichnisse zu rechtfertigen. Neuestes Beispiel: Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident, in »chrismon« 08.2009:

[...] Aber kann man Ironie auch predigen?
Steinacker: Leider nein, die Leute verstehen es nicht. Nach meinem Verständnis muss man allerdings manche Texte gegen den Strich bürsten. Bei mir war es zuletzt das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner. Ich bin es satt, den Pharisäer niederzumachen. Er spendet, sorgt sich um die Armen, achtet darauf, dass das Eigentum anderer gewahrt bleibt. Habe ich meiner Tochter beigebracht, bringe ich meinen Enkeln bei: dass man das Eigentum der anderen achten muss. Aber: Die Leute, die die Ironie im neuen Text erkennen sollen, müssen den alten Text kennen.

In diesem konkreten Fall bin nun allerdings ich derjenige mit Verständnisschwierigkeiten: Lieber Herr Steinacker, der »neue Text«, den Sie da kreieren, enthält mitnichten »Ironie«, sondern blanken Unsinn. Noch einmal: Es geht in der Exegese nicht um spitzfindige Argumente, was alles auch noch richtig sein könnte (was Ihre Mitwirkung an der Moralerziehung Ihrer Nachkommen keineswegs diskreditiert). Sondern um die konkrete (ja, mitunter auch einseitige!) Aussage eines konkreten Textes. Und das Spannende (ja, Ärgerliche!) an Lukas 18,9-14 ist eben: All die (zweifellos!) guten Werke des Pharisäers sind nix mehr wert, sobald er sie vor Gott selbstgerecht in die Waagschale wirft. Übrigens eine klassisch-protestantische Erkenntnis, die üblicherweise einem gewissen Dr. Martin Luther zugeschrieben wird – in Fachkreisen spricht man von »Werkgerechtigkeit«…

 

5 Kommentare zu “Werkgerechte Vereinnahmung”

  1. Johannes meint:

    Hihi, vielen Dank! Dein Text hat mir trotz eines stressigen Tages noch ein Schmunzeln bereitet!
    Nein, ich werde mich über die Aussage von Herrn Steinacker nicht aufregen. :)

  2. Tobi meint:

    Was hat er denn sonst noch geschrieben? Denn wenn ich ehrlich bin, kann ich seinen Punkt in Ansätzen u.U. verstehen. Ein dezidiertes Zitat bezieht sich ja auf das Niedermachen des Pharisäers. Und das ist ja die übliche Tour: “Schau mal, der Pharisäer ist ja knülle. Macht gutes und spricht auch noch drüber. Und zuletzt meint er, dass er damit wirklich was holen könnte … pfff … tss … wie kann man nur so geistig/geistlich zurückgeblieben sein, um nicht zu merken, (manchmal: selbst wenn man Jesus begegnet), dass das nicht genügt (oder vollkommen der falsche Weg ist)? Lächerlich, der Typ.”
    Das kann ich auch nicht ab, da mir der Mensch hier zu hoch gestellt wird, aus seinem Kontext, aus seinen “Systemen” gerissen wird. Es ist anzunehmen, dass der Pharisäer genau in diesem Denken, mit solch einem geprägten jüdischen Glauben erzogen (negativ formuliert: indoktriniert) wurde. Es ist für ihn daher der Normalfall genau so zu handeln. Natürlich läuft es letztlich darauf hinaus, dass es der falsche Weg ist. Jedoch geschieht es in der von mir skizzierten Art und Weise mit einer dermaßen hohen Arroganz und Überheblichkeit, dass ich das blanke Kotzen (entschuldige die Formulierung) bekomme. Ohne groß die psychologische oder soziologische Keule schwingen zu wollen, würde ich Wert darauf legen, nach den Ursachen des Verhaltens zu forschen. Was bewegt einen Menschen, derart zu handeln? Das ist doch letztendlich auch das, was man dann z.B. in der Verkündigung fruchtbar machen kann. Eben nicht stupide zu sagen: “So ist richtig, so ist falsch!”, sondern den Weg zum Verhalten nachzuzeichnen und damit den Weg zur eigenen Antwort zu eröffnen. Dies könnte z.B. heißen, die eigene Erziehung (auch speziell die religiöse Erziehung) zu hinterfragen und zur Erkenntnis durchzubrechen, dass man, ohne Christus, Sünder ist und unheilig, unwürdig, in Gottes Nähe zu treten, mit ihm jedoch vollkommen gerecht und dass Gott uns letztlich nur durch Christus anschaut, also als vollkommen Gerechte, auch wenn wir uns gerne als vollkommene Sünder sehen. Derart freigesetzt (E. Lange) kann dann auch das Leben (neu) aufgegriffen werden und dann auch “gut” gehandelt werden, aber eben ohne den werkgerechten Impetus.

    Wenn Steinacker seine Aussage in diesem Sinn gemeint hat, ist es im Zitat unglücklich wiedergegeben, jedoch stehe ich in der Sache dahinter. Jedoch hängt es nur an dem Wort “niederzumachen”, der Voraussetzung, dass die Vermittlung “guter Werke” an seine Nachkommen nicht um ihrer selbst Willen geschehen und meiner Assoziation.

  3. Daniel meint:

    Danke für die Ergänzung, Tobi!

    Auch ich kann mir dogmatisch »richtige« Predigten vorstellen, bei denen ich kotze ;-) (bzw. habe so was auch schon erlebt). Und es gibt ja auch eine Art Predigt-Langeweile…die sich vielleicht dann einstellt, wenn gewissen »Richtigkeiten« nicht in ihrer ganzen Tiefe nachgegangen wird. Aber vielleicht ist im vorliegenden Fall gerade das das Problem?! Mein Eindruck ist, dass hier gerade nicht tiefer gebohrt (und z.B. nach der Ursache des Pharisäer-Verhaltens gefragt) wird. Stattdessen wird die Hauptintention doch relativ oberflächlich »umgedreht«. Hinzu kommt, dass die Lukas-Stelle im Interview relativ unvermittelt, unmotiviert auftaucht (um dann sogleich wieder zu verschwinden) – als Teil einer Antwort auf die Frage, ob »man mit Ironie auch predigen« könne. Das wirkte auf mich spontan so, als ob Ex-Kirchenpräsident Steinacker seiner Gesprächspartnerin (Sopranistin Diana Damrau) so verkrampft-nebenbei mal demonstrieren muss, dass der Umgang mit biblischen Texten bei ihm was vollkommen Freies, rein »Künstlerisches« hat… Verstehst du, was ich meine?

  4. Tobi meint:

    Ich erahne die Richtung, ja. Aber wie gesagt: Ich hatte nur den von dir geposteten Interviewausschnitt,

  5. Daniel meint:

    Ja – ist schon gut, dass du nachgehakt hast! Hat dazu geführt, dass ich das Interview nochmal aus dem Papierkorb gefischt habe. :-)

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