Störende Stille?

17. März 2010

Gelegentliche Pausen, beim Übergange von einem Gebete zum andern, oder vom Gebete oder der Verlesung zum Liede sind sinnvoll und zweckmäßig. Sie sollten von selber eintreten, etwa wenn der Prediger vor den Altar oder ans Lesepult oder auf die Kanzel geht, wenn das Gemeindeopfer eingesammelt wird, oder wenn der Helfer die Lichter anzündet. Es ist nicht nötig, derartige Vorgänge als »störend« möglichst hinter dem Gemeindeliede zu verstecken. Sie geben Gelegenheit zur Pause und zum kollektiven Stillesein. Nach dem herkömmlichen Brauche muß immer jemand reden: entweder der »Liturg« oder die Gemeinde. Die große und wichtige Kunst des Mundhaltens haben wir ganz verlernt.

…schreibt (1925) Rudolf Otto, der sich nicht nur über »[d]as Heilige«, sondern auch über Liturgie umfassend Gedanken gemacht hat. Vieles davon kann man im heutigen Gottesdienst unmittelbar umsetzen! (Manches haben wir auch schon ohne Otto entdeckt.)

Als ambivalent empfinde ich die Fortsetzung:

Und sehr zum Nachteil unseres gesamten Gemütslebens überhaupt. Weil im Gottesdienste die besinnliche Stille verloren ging, haben wir sie leider auch im Leben vielfach verloren. Die Kunst, einen bestimmten großen Gemütseindruck, einen Gedanken oder ein Bild eine Weile in uns festzuhalten und »zu bewegen in unserm Herzen«, uns in ihn zu versenken und uns zeitweilig in ihm zu verlieren, großen Natur- oder Kunsteindrücken gegenüber uns hingegeben still zu verhalten und ihnen ihr Recht zu geben, besitzen nur wenige. Wir müssen reden, kritisieren, diskutieren, »uns unterhalten«, statt die Sache lange und gründlich in uns reden zu lassen. Und daran ist unsere liturgische Gewöhnung oder besser Verwöhnung mit schuld.

Mit seiner Gesellschaftsanalyse mag Otto völlig Recht haben. Auch mit seiner These zu den Gründen der Entwicklung. Die Stille mag erst im Gottesdienst, dann im (sonstigen) Alltag verloren gegangen sein. Aber dass wir jetzt ja nicht auf die Idee kommen, der Gottesdienst würde immer noch das allgemeine Leben prägen! Deswegen: Eine Grenze wäre in meinen Augen erreicht, wenn der Gottesdienst so sehr als »anders« empfunden wird, dass er nicht mehr an das Geschehen unter der Woche andocken kann…

Aber auch dort könnte man die Stille ja neu entdecken, Schritt für Schritt… Und dazu kann der Gottesdienst durchaus ermutigen.

 

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