Staat und Kirche

4. Januar 2008

1919 – gut 40 Jahre nach dem »Kulturkampf« – wurde die Staatskirche in Deutschland abgeschafft. Das ist auch allgemein bekannt, glaube ich.

Weniger bekannt ist dagegen (zumindest meiner Erfahrung nach), dass Deutschland kein laizistischer Staat ist (wie z.B. Frankreich): So wenig die Größen »Staat« und »Kirche« zusammenfallen, so deutlich haben sie auch Berührungspunkte.

Inkonsequent?! Nein – aber kompliziert… Deswegen ist es eine reife Leistung, dass Hermann Gröhe, Mitglied des Deutschen Bundestags, in der aktuellen Ausgabe von »chrismon« (12.2007) den – letztlich gelungenen – Versuch unternimmt, den Sachverhalt in zwei knappen Spalten übersichtlich zusammenzufassen.

Grob kann man es folgendermaßen erklären: Der deutsche Staat garantiert seinen Bürgern das Recht auf freie Religionsausübung. Den entsprechenden Inhalt kann er aber nicht bieten, weil er selbst religiös neutral bleiben muss. Deswegen überträgt er diese Aufgabe den Religionsgemeinschaften – was im aktuellen Deutschland im Wesentlichen heißt: den beiden großen christlichen Kirchen. (Hier könnte man diskutieren: Ist das heute noch gerechtfertigt? Was ist mit Muslimen, die momentan keinen repräsentativen Dachverband besitzen? Müssten Humanisten und Atheisten nicht genauso gefördert werden…wobei Letzteres m.E. aber durchaus der Fall ist.)

Daraus resultiert so etwas wie ein partnerschaftliches Miteinander von Staat und Kirche, das sich konkret in vielen verschiedenen Punkten zeigt:

  • Pfarrer erteilen an staatlichen Schulen konfessionellen Religionsunterricht.
  • Die kirchliche Diakonie ist ein wesentlicher Teil des staatlichen Gesundheitssystems.
  • In den Gremien von Rundfunkanstalten sitzen kirchliche Vertreter – und Kirchen dürfen bestimmte Sendezeiten ausfüllen.
  • Hinzufügen könnte man noch einen Gedanken, den in letzter Zeit vor allem Wolfgang Huber immer wieder anbringt: Die – zu Recht viel gepriesene – Religionsfreiheit beinhaltet zwei Aspekte: Zum einen die negative Religionsfreiheit: Niemand darf zu einer bestimmten Religion gezwungen werden.

    Daneben – und das ist uns in Deutschland meist weniger bewusst – gibt es aber auch die positive Religionsfreiheit: Jeder hat das Recht zur Ausübung einer beliebigen Religion (natürlich nur, so lange das nicht mit grundlegenden anderen Gesetzen kollidiert…). Konkret heißt das zum Beispiel: Ein Rektor, der dem ausdrücklich von mehreren Schülern geäußerten Wunsch zur Gründung eines Schülerbibelkreises nicht entspricht, macht sich strafbar. Das wiederum soll aber selbst in höchsten Richterkreisen gar nicht so bekannt sein.

    Neu war mir in Gröhes Artikel, »dass das Moskauer Patriarchat das deutsche Staat-Kirche-Verhältnis beim Petersburger Dialog auch für Russland als Modell empfahl: keine staatliche Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten, keine klerikale Bevormundung der Politik.« Das entspricht inzwischen in etwa meiner persönlichen Position: Früher habe ich die »Volkskirche« eher als lästiges Übel empfunden, dessen Vorzüge es eben möglichst lange zu nutzen gelte. Heute wäre ich mit dieser Aussage vorsichtiger. Was wiederum nicht heißt, dass wir die religiöse Sozialisation unserer Gesellschaft überschätzen oder jedem Kirchenmitglied einen bewusst gelebten Glauben aufzwingen zubilligen sollten.

     

    Ein Kommentar zu “Staat und Kirche”

    1. Daniel meint:

      Eine kleine Korrektur: Der Einzug der Kirchensteuer durch den Staat beruht auf einer speziellen Vereinbarung – und hat erst mal nichts mit dem besonderen deutschen Staatskirchenrecht zu tun…

    Deine Meinung?!