Lebendige Lücken

30. Dezember 2011

»"Es begab sich aber …" Was begab sich eigentlich? Die Weihnachtsgeschichte dekonstruiert«.

»Ausgerechnet die Weihnachtsgeschichte!« Wird so manchen Besucher(inne)n des »Offenen Foyers« im Stuttgarter »Treffpunkt Senior« kurz vor den Feiertagen durch den Kopf geschossen sein. Und tatsächlich gingen die Referenten Henning Hupe und Jan Rüggemeier gleich ordentlich zur Sache. Einem interaktiven Streitgespräch zwischen Roland Barthes und Jaques Derrida, dem Vater der Dekonstruktion, ließen sie eine Lesung von Lukas 2,1-20 folgen. Und die provokante Frage: Welche unserer klassischen Assoziationen findet sich eigentlich tatsächlich in diesem Text?

… nicht so viel, zeigte sich. Einen dreckigen Stall zum Beispiel kennt Lukas nicht (vgl. auch die entsprechenden Hinweise von Martin Preisendanz). Ochs’ und Esel tauchen ebenfalls nicht auf. Die Hirten auf dem Feld haben wenig mit heutigen Hirten-Vorstellungen zu tun. Und so weiter, und so weiter.

Ist das nun billige Kahlschlag-Theologie, im Stil eines Gerd Lüdemann? Gott sei Dank verließ niemand voreilig den Raum. Denn im Folgenden wurde immer klarer: Christlicher Glaube ist auffallend offen für den dekonstruktiven Umgang mit biblischen Texten. Ebendiese sind nämlich aus gutem Grund offen und unsystematisch. Sie enthalten zahlreiche Leerstellen – Bibliolog(inn)en würden vom »weißen Feuer« sprechen –, die es zu füllen gilt … und die auch zu füllen sind. Was wiederum hervorragend passt zu einer primär personal verstandenen lebendigen Wahrheit, die sich nicht auf starre Richtigkeiten festlegen lässt.

Die Lücken der lukanischen Weihnachtsgeschichte lassen sich nicht nur in Bibliologen füllen. Vielversprechend ist auch der Blick auf den Rest des Lukasevangeliums. Da findet man nicht nur Ochs’ und Esel wieder (in Lukas 13,15). Es wird auch deutlich, dass dieser Jesus tatsächlich auch an die dunkelsten Orte gegangen ist (ein dreckiger Stall passt also ganz gut), dass er gerade mit Menschen auf der Schattenseite des Lebens Umgang hatte (eben auch mit den asozialen Hirten vor Bethlehem), … Unsere klassischen Assoziationen sind also nicht einfach hergeholt-bürgerlich. Auch unsere Vorfahren konnten die biblischen Lücken schon angemessen füllen. Was uns nicht aus der Verantwortung entlässt, selbst mit der Bibel zu leben.

 

2 Kommentare zu “Lebendige Lücken”

  1. Steffen meint:

    …”selbst mit der Bibel zu leben.”

    Und doch gibt es eben jene “Richtigkeiten”.
    Ohne sie machte alles keinen Sinn, denn dann wird es beliebig.
    Das Gute aber ist, dass der christliche Glaube tatsächlich sehr lebendig ist und immer wieder neu gefüllt werden kann und muss mit eben diesem “vollen” Leben.
    Deshalb können wir lustige, zeitgemäße Lieder erfinden über Gott und im GoDi z.B. auch tanzen und mitklatschen etc…, denn christlicher GoDi ist unser Leben selbst.
    Aber: Die Grundlage eines solchen Lebens ist, sich daran auszurichten, was “Gott wohlgefällt”. (Jesus stellt also die einzige Richtschnur – die “Richtigkeit” – des Handelns dar, da er derjenige ist, der Gott “wohlgefällt”.)
    Ob das in einer bildungsbürgerlichen Kulisse oder in einer Hartz IV Behausung stattfindet, das spielt tatsächlich keine Rolle. Und: Ob jemand Weihnachten feiert oder (wie ich;-) eher nicht, auch das ist egal.
    Die eine “Richtigkeit” ist Jesus selbst. Nicht das Äußere, was wir manchmal so gerne interpretieren und vordergründig sehen wollen.
    Daher: Ja, “mit der Bibel leben” (natürlich jeden Tag und überall), doch vor allem: in der engstmöglichen Beziehung zu Jesus leben, denn er ist “das Wort Gottes” selbst…
    Christusglaube ist nicht weniger als eine lebendige Beziehung.
    In solchen lebendigen Beziehung braucht es dann – zugegeben – kluge Menschen (also auch manche Theologen), die “das Wort” immer wieder neu versuchen in den jeweiligen Alltag zu übersetzen.
    Da kann der Stall auch mal zu einer Garage werden (wenn Kinder keinen Stall mehr kennen) Darum geht es sicher nicht.
    Biblische “Lücken” also als Chance Gottes für uns, die Beziehung immer neu leben zu lassen, sie immer wieder neu zu entdecken?
    Der vermeintliche Nachteil der Bibel (ihre hist. und wissenschaftliche Ungenauigkeit), den jene, die meinen alles wissenschaftlich ergründen zu müssen, so gerne als Argument gegen die Bibel nennen, also eigentlich der entscheidende Vorteil gegenüber einem “klaren, exakten Regelwerk” mit Anweisungen und einfachen, vorgegebenen “Richtigkeiten”?
    Ich habe lange nicht verstanden, was das heißt: Jesus lebt!
    Es heißt sicher auch: Das Wort Gottes lebt!

  2. Jan Rüggemeier meint:

    Der Vorwurf, der immer wieder gegen den Dekonstruktivismus zu Felde geführt wird, ist der der Beliebigkeit (interessanter Weise besonders pointiert vorgetragen von: Dorothee Sölle). Ich finde jedoch, dass dies in doppelter Hinsicht zu kurz greift.
    Erstens: Es sind ja individuelle und das heisst sehr persönliche Lesarten im Blick. Etwas, was persönlich ist, wo ich versuche meine ganz eigene Meinung zu artikulieren, ist aber m.E. alles andere als “beliebig”. Jedenfalls verstehe ich meine eigene Existenz nicht als beliebig.
    Zweitens: Diese Einschränkung vorausgesetzt, d.h. das bestimmte individuelle Meinungen von oben herab nicht als “beliebig” disqualifiziert werden sollte, betont der Dekonstrutivismus, dass letztlich alle Meinungen “beliebig” oder eben besser: individuell (!) sind. Nur weil WissenschaftlerInnen mehr Vorerfahrungen im Hinterkopf haben und sich in einem bestimmten Diskurs positionieren, ist ihre Interpretation darum nicht “wahrer” oder “falscher”. Das gleiche gilt für Menschen aus jedwedem Frömmigkeitshintergrund und den dementsprechenden intersubjektiven Plausibilitäten.
    Schlussendlich sympathisiere ich persönlich mit Daniels Aussage, dass die Stärke des christlichen Glaubens darin besteht, dass er keine inhaltliche, sondern primär eine personale Wahrheit verkündigt. Hierbei würde sich aber Derrida vermutlich im Grabe umdrehen… denn, ob der bei aller eigenen Religiosität, bei einer letzten Wahrheit mitgegangen wäre … – nun, who knows.

Deine Meinung?!