Immer noch derselbe?

20. Mai 2008

Die christliche Auferstehungshoffnung macht nur dann Sinn, wenn der Mensch vor der Auferstehung mit dem Menschen nach der Auferstehung identisch ist. Eigentlich logisch: Wenn es ein völlig anderer Mensch ist, der da aufersteht, dann ist es ja nicht mehr meine Auferstehung…und dann ist es mit mir auch definitiv vorbei. So what?

Die spannende systematisch-theologische Frage lautet nun: Wie wird diese Identität eigentlich gewährleistet? Wo ist quasi das verbindende Element, über den Tod hinaus?!

Die klassische, griechisch-platonische These lautet: Auf den vergänglichen Körper kann man nicht zählen. Entscheidend ist die Seele. Die ist unsterblich – und wird beim Tod vom Leib getrennt. Sokrates kann deswegen – im Dialog »Phaidon« – seinem Tod geradezu freudig entgegen sehen.

Die frühe christliche Theologie hat diese dualistische Sicht mehr oder weniger übernommen – und konnte sich dabei auch auf diverse Bibelstellen berufen (z.B. 1 Thess 5,23; Lk 23,46). Hier und da musste man die Sicht Platons ein klein wenig korrigieren: Augustinus stellte z.B. fest, die Seele sei nicht ewig, sondern geschaffen. Ihre Unsterblichkeit sei somit eine Gabe Gottes. Außerdem verstand man den Körper nicht als »Kerker« der Seele. Entsprechend hoffte man auf eine Wiederverkörperung der Seele – eben in der Auferstehung der Toten.

Bei dieser Auffassung blieb es das gesamte Mittelalter über. Auch die Reformatoren unterscheiden tendenziell strikt zwischen Körper und Seele – allen voran Johannes Calvin, aber durchaus auch Martin Luther.

…die enge Verknüpfung von platonischer Dualismus-Vorstellung und christlicher Auferstehungshoffnung bedeutete allerdings eine Art Steilvorlage für bestimmte Strömungen der Aufklärung: Zusammen mit der Unsterblichkeit der Seele konnte jetzt nämlich bequem auch die christliche Auferstehungshoffnung geleugnet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.

Vor allem David Hume und Immanuel Kant haben gezeigt: Es ist gar nicht so leicht, die Existenz einer Seele zu beweisen…von ihrer Unsterblichkeit ganz zu schweigen. Ein Beispiel für den Versuch, die Seele – und ihre Trennung vom Körper beim Eintritt des Tods – experimentell nachzuweisen, demonstriert der Film »21 Gramm«, der erst kürzlich im Kino lief.

In der gegenwärtigen Debatte kann man zwei harte Fronten unterscheiden – die »Dualisten«, die von der Existenz mentaler Zustände (und einer Seele) ausgehen, und die »Physikalisten«, die eben dies bestreiten. Beide Positionen bringen Schwierigkeiten mit sich. Aus meiner Sicht ist die Existenz einer Seele sehr wahrscheinlich. Eine klare Trennung dieser Größe vom Körper ist aber problematisch – und damit lässt sich die Unsterblichkeit der Seele tatsächlich auch aus rein logisch-philosophischer Sicht überzeugend bestreiten.

Hier sind nun auch weite Teile der biblischen Überlieferung zu beachten, die zwar – gegen Hume und Kant – feststellen, dass sowohl Leib als auch Seele existieren, aber eben gleichzeitig aussagen, dass der Mensch aber gerade durch eine äußerst enge Zusammengehörigkeit von Leib und Seele konstituiert wird. Der Mensch hat nicht Leib und Seele – er ist Leib und Seele.

Calvin hatte noch festgestellt, die Ansicht, im Tod sterbe der Mensch als Ganzes, sei ein »viehischer Irrtum«. Genau das behaupteten aber Adolf Schlatter und Paul Althaus mit ihrer (später) sogenannten »Ganztodthese«: Der Tod bedeutet – zumindest aus unserer Perspektive – ein »Sinken ins Bodenlose«, einen »Ausgang in das Nichts«. Körper und Seele – die sich überhaupt nicht voneinander trennen lassen – sterben. Beide. Definitiv.

Diese Sicht der Dinge hat sich in der neueren protestantischen Theologie weitgehend durchgesetzt (ganz anders die römisch-katholische Linie!). Sie bringt aber ein entscheidendes Problem mit sich: Wenn eine unsterbliche Seele als verbindendes »Kontinuitätsmedium« ausscheidet – wie wird die personale Identität des Menschen über seinen Tod hinaus dann gewährleistet?!

Es gibt verschiedene Versuche, die Auferstehung der Toten materialistisch bzw. physikalistisch zu deuten. Im Blick ist dann plötzlich der Körper des toten Menschen. Nach Peter van Inwagen z.B. ist es vorstellbar, dass Gott beim Tod eines Menschen einzelne Teile des Körpers bei sich aufhebt, um sie sicher bei sich aufzubewahren…und später – im Rahmen der Auferstehung – auf sie zurückzugreifen.

Philosophisches Problem: Beim Tod eines Menschen kommt es zu einem substanziellen Bruch. Der Körper nach dem Tod ist streng genommen gar kein Körper mehr – sondern höchstens eine chaotische Anordnung vieler einzelner »Körper«.

Theologisches Problem: »Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben« (1 Kor 15,50).

Bei den Vertretern der »Ganztodthese« hat sich deswegen primär der sogenannte anamnetische Ansatz durchgesetzt. Er besteht in der These: Die Identität eines verstorbenen Menschen wird allein bei Gott, in Gottes Gedächtnis aufbewahrt. Nur so kommt es zur Identität zwischen irdischem und ewigem Leben.

Diese Variante der »Ganztodthese« passt relativ gut zu den reformatorischen Grundeinsichten. Sie hat deswegen nicht ohne Grund vor allem im Rahmen der Dialektischen Theologie stark an Bedeutung gewonnen. Eberhard Jüngel stellt fest: Entscheidend ist gerade, dass Gott in Christus die Verhältnislosigkeit des Todes selber erträgt.

Gerade bei Jüngel ergibt sich aber ein Problem: Sein Modell endet quasi mit der Vorstellung, dass der Mensch im Gedächtnis Gottes weiterlebt. Da kann man sich schon die Frage stellen: Was bringt’s? Was nützt mir eine Auferstehung, von der ich gar nichts mitbekomme?! Reicht es dann nicht, in der Erinnerung anderer Menschen weiterzuleben (was ja auch überzeugte Atheisten glauben dürften)?

Wolfhart Pannenberg verbindet deswegen – nein, diesmal nicht in Auseinandersetzung mit Jüngel – die »Ganztodthese« mit dem Gedanken einer neuen Schöpfung Gottes – quasi aus dem Nichts.

…dann aber kann man fragen, warum Gott seine Geschöpfe eigentlich zweimal erschaffen muss.

Auch die »Ganztodthese« ist also nicht ganz wasserdicht. Theodor Mahlmann, Wilfried Härle und Kirsten Huxel lehnen sie deswegen ab…oder sie nehmen kleinere Korrekturen vor. Dabei wird der Tod nicht mehr als totale Zäsur gesehen. Und es ist ja durchaus richtig, dass gerade die Beziehungen eines toten Menschen nicht schlagartig abbrechen. Das gilt vor allem für die Gottesbeziehung (die ja auch vorher schon von einer gewissen Einseitigkeit geprägt ist…). Mit Jüngel von einer »Verhältnislosigkeit« zu sprechen, ist also gar nicht so unproblematisch… Problematisch finde ich es dagegen, zu erwähnen, ein Abschied von der »Ganztodthese« würde ja »ganz nebenbei (!)« das ökumenische Gespräch fördern – um am Ende »zufällig« just die katholische Position zu vertreten… So ist Ökumene nicht viel wert…

Fazit?! Aus meiner Sicht gibt es aus protestantischer Sicht keine Alternative zur »Ganztodthese«…auch wenn Fragen offen bleiben. Besondere Beachtung verdienen aber die praktisch-theologischen Herausforderungen. Z.B. in der Seelsorge: Soll ich der älteren, verzweifelten Frau fachmännisch erklären: »Nein, auch die Seele Ihres Mannes gibt es nicht mehr. Ihr Mann ist ganz tot. Hoffen wir mal, dass Gott sich an ihn erinnert…« Gerade in dieser Sache würden mich auch die Stellungnahmen aktiver Vikare etc. interessieren…

 

5 Kommentare zu “Immer noch derselbe?”

  1. Karsten meint:

    Als Vikar kann ich leider nicht dienen… tut mir leid! Aber eine Frage habe ich: Wird in der entsprechenden Literatur (ich bin beeindruckt von den vielen Zitaten!) nicht auch die Möglichkeit diskutiert, dass der Mensch als Dreiklang von Körper, Seele und Geist zu denken ist? Natürlich ist das nur ein Modell, und ich könnte nicht einmal sagen, wie gut es durchdacht ist, oder was es für biblische Anhaltspunkte für eine solche Dreiteilung gäbe. Gelesen habe ich das vor vielen Jahren bei NEIL ANDERSON in “Victory over the Darkness”. Damals hatte ich das so verstanden, dass der Geist der spirituelle Bereich des Menschen sei, also für die Beziehung zum Schöpfer zuständig. Die Seele dagegen wäre dagegen der sozusagen “weltliche” Teil der beiden nicht-physischen Bereiche des Menschen. Wenn ich mich recht erinnere, verliert nach ANDERSON mit dem Sündenfall der Geist viel von seiner Unterscheidbarkeit gegenüber der Seele, weswegen die beiden für uns Sünder so schwer auseinanderzuhalten sind.
    Das schöne an dieser These im Bezug auf das o.g. theologische Dilemma ist, dass man Körper und Seele getrost den Würmern überlassen, und den Geist zum Schöpfer fliehen lassen kann. Und man kann die ältere verzweifelte Frau auch ohne schlechtes theologisches Gewissen im Glauben lassen, dass von ihrem verstorbenen Mann noch etwas dauerhaft übriggeblieben ist.
    Wird diese Art der Dreiteilung noch irgendwo diskutiert? Ich wäre an geschliffener Argumentation sehr interessiert, egal ob sie mein selbstgebasteltes Bild be- oder widerlegt.
    Einen Hinweis auf die enge Verknüpfung von Körper und Seele (und Geist…) geben die psychosomatischen Krankheiten im negativen Sinne, und die Langlebigkeit ausgeglichener Menschen im positiven Sinne.

  2. Daniel meint:

    Trotz des fehlenden Vikariats-Status: Sehr guter Kommentar! An die Dreiteilung des Menschen habe ich beim Lesen auch mehrmals gedacht (u.a. als alter CVJMer…das CVJM-Dreieck steht ja auch dafür). Aber das wird meines Wissens nirgends ernsthaft erwogen. Wüsste, auch gerne, wo das herkommt – ein Beleg wäre 1 Thess 5,23!

    Andererseits: Hätte man nicht wieder dasselbe Dilemma – und die Debatte, ob vom Menschen was Substanzielles übrig bleibt…oder nicht?!

  3. Karsten meint:

    Helfen uns die Ereignisse um Lazarus und seine Auferweckung weiter? Bei ihm scheint Kontinuität durch den Tod hindurch gegeben zu sein, quasi im Experiment bewiesen, auch wenn die Theorie dahinter nicht weiter erklärt wird.
    Aber am besten vertagen wir das bis nach dem Examen. Ich will dich mit meiner unausgegorenen Skriptozentrik nicht verwirren!

  4. Daniel meint:

    Wobei es bei Lazarus doch eher eine Art Wiederbelebung war. Er dürfte dann auch noch “richtig” gestorben (und auferstanden!) sein. Wie meinte Klaus Berger mal so schön: »Sonst würde er heute in unsere Vorlesung kommen…«

    Deine Beiträge sind gerade für’s Examen sehr hilfreich, Karsten! :-)

  5. Daniel meint:

    Erst jetzt habe ich den Kinofilm »21 Gramm« gesehen. Und siehe da: Um das hier behandelte Thema geht es da gar nicht…

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