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Israel intern (16. Juli bis 6. August 2005)


 

Carsten und Daniel berichten aus Israel

Samstag, 16. Juli
(Carsten) Hatte einen vollen Tag. Musste bügeln und die Whitney-Houston-CD von Rina hören. Hatte vorher nie bemerkt, wie gut sie singen kann. Ich rede von Whitney. Wurde mit dem Packen nicht fertig, bis die Party bei Karen begann. Ging hin, weil mir das Brot ausgegangen war und ich die letzten Brötchen mit auf die Reise nehmen wollte. Tolle Party, leckeres Essen, ...und sentimentale Mädchen. Hätten die mir das nicht mal während der letzten zwei Jahre sagen können, wie sehr sie mich vermissen? Ging schon um 23 Uhr, um weiter zu packen und meine E-mails zu checken.
 
(Daniel) Kam erst gegen 23.00 Uhr nach Schriesheim - wo ich noch packen musste... Wurde von mehreren Mitbewohnern ermahnt, rasch ins Bett zu gehen. Carsten habe sich längst in seine Räumlichkeiten zurückgezogen, um gründlich auszuschlafen. DAS kam mir allerdings merkwürdig vor... Ging gegen 2.00 Uhr ins Bett. Zum Glück will Carsten mich dann wecken...
 
(Carsten) Habe noch Jonathan defragmentiert. Wusste nicht, dass es so lange dauern würde. Ging um 3.10 Uhr schlafen. Daniel weckt mich ja um 4. Muss noch meinen Koffer packen.
Sonntag, 17. Juli:
(Carsten) Erwachte nach einer Dreiviertelstunde mit dem Wissen, dass ein neuer Tag angebrochen war. Alles war so ruhig - ich war so tot. Entdeckte einen Zettel vor der Tür, der mich zu einem köstlichen Frühstück lotste, das wohl Wohnheim-Kollege Olli organisiert hat. Weckte Daniel, der denselben Zettel gefunden hatte und mich für den Täter hielt. Musste noch packen. Summte den ganzen Morgen Whitney-Houston-Lieder. Wenn ich sie doch auch nur singen könnte.
 
(Daniel) Schon um 4.55 Uhr laute Schreie vor unserem Wohnheim. Der Fahrer des privaten Flughafen-Transfer-Unternehmens war schon da. Ausgemacht war: 5.00 Uhr - ohne Schreie. Sei´s drum: Überstürzt verließen wir unser Domizil. Carsten wirkte so gehetzt - merkwürdig...
 
(Carsten) Als wir Schriesheim mit einem Flughafen-Shuttle verließen, ging die Sonne gerade auf. Nirgends ist es so schön wie hier. Aber das Heilige Land ruft uns. Wir haben einen Auftrag: Wir graben für den Herrn - Herrn Oeming. Und er zahlt uns den Shuttle, den Flug, drei Wochen 4-Sterne-Hotel und alle Ausflüge in Israel.
 
(Daniel) Wir waren pünktlich! Auch von den erwarteten verschärften Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen keine Spur - und so dauerte es noch einige Stunden bis zum Start. Begleitet vom gewohnt kontrastiv-westeuropäischen Informations-Mix (auf den Monitoren im Flugzeug liefen erst News über neueste Gaza-Streifen-Anschläge, dann der Streifen »Im Rennstall ist das Zebra los«) brauchten wir rund dreieinhalb Stunden bis nach Tel Aviv.
 
(Carsten) Habe Wattepads vergessen. So geht es mir immer. Der Flug war wirklich aufregend, weil ich am Fenster saß und die Flügel der Boeing 737 fast zerbersten sah, sowohl beim Start als auch bei der Landung. Habe auch die Pflaster vergessen. Als ich beim Landeanflug auf Ben Gurion International Airport aus dem Fenster sah, dachte ich, unter mir läge SimCity. Ein Sammeltaxi brachte uns vom Flughafen zum Hotel in Ramat Rachel. Daniel schlief, als wir an den historischen Bauten aus den Jerusalem-Bild- und Sammelbändchen vorbeifuhren, weil wir durch die Innenstadt mussten. Habe auch keinen Wecker dabei. Zum Glück schläft Daniel im selben Zimmer wie ich. Angeblich versagt die Weckfunktion seines Macintoshs nie.
Montag, 18. Juli:
(Daniel) Versagte bei dem Versuch, dem Laptop beizubringen, uns mit »Aschira«-Liedern zu wecken. (Wer braucht diese unnötige Funktion auch?) Musste schließlich selber singen. Carsten wachte tatsächlich auf. Früh war es trotzdem - 4.45 Uhr (bzw. 3.45 Uhr MESZ).
 
(Carsten) Was für ein toller Morgen. Fühle mich wie bei der Bundeswehr: Frühes Aufstehen, gemeinsame Waschräume, harte Arbeit. Wir starten ohne Frühstück im Ausgrabungsgelände um ab 5.30 Uhr Löcher zu graben und Scherben zu sammeln. Beim Bund haben wir Hülsen gesammelt. Bin im Grabungsabschnitt A, Daniel in Abschnitt B. Ich liebe diese Arbeit, weil sie irgendwie wissenschaftlich ist, ohne dass ich dazu denken muss. Statt dessen kann ich mich so richtig austoben und dreckige Kleider tragen.
 
(Daniel) Dachte immer, Archäologie sei was für Leute mit Gefühl (daher auch Bedenken im Vorfeld...). Dachte. Waren nur zu Beginn damit beschäftigt, eine (bereits freigelegte) Mauer zu reinigen, bevor der nächste Befehl kam: »Tear these borders down!«. Woraufhin ich mich - unterstützt von Prof. Oeming (der ab sofort auf die Anrede »Manfred« hört und geduzt werden will) - abwechselnd mit »doria« (hebräisch für »Schaufel«), kleiner Spitzhacke und großer Spitzhacke hantieren sah. Morgen sollen ähnlich viele Kubikmeter Erde ausgehoben werden - wenn die Eimer heil bleiben...
Um einem Missverständnis vorzubeugen: Es macht tatsächlich Spaß! Auch wenn ich keine Ahnung habe, was wir da freilegen (erstaunlich akkuraten Kommentaren unserer Supervisors zum Trotz).
An anderer Stelle wird uns jegliche Mitarbeit verwehrt. Im Hotel werden uns sogar die Betten gemacht (peinlich!) - und das Nach-dem-Essen-Abräumen (wie in der Mensa) ist auch nicht drin.
 
(Carsten) Wir haben eine super Truppe zusammen. Wenn man uns sprechen hört, muss man entweder auf Pfingstler oder Multi-Kulti tippen. Letzteres ist es auch.
 
(Daniel) Gesprochen wird übrigens englisch (offiziell), deutsch oder hebräisch - je nachdem, wie man kann und will. Auch Springen innerhalb eines Satzes ist erlaubt. Beispiel: »Could you use the doria hier drüben?«. Daran kann man sich gewöhnen. Zwei meiner Mitausgräber im Nachbar-Square unterhielten sich geschlagene fünf Minuten auf Englisch - bis sie merkten: »Oh - we are from Germany!«.
Am Abend Rundgang über den Kibbuz Ramat Rachel. Machten dort Pause, wo Josef und Maria vorbeigekommen sein müssen, bevor sie im zwei Kilometer entfernten Bethlehem auf Hotelsuche gingen. Cooles Gefühl!
Dienstag, 19. Juli:
(Daniel) Wachte pünktlich um 3.30 Uhr auf. Leider nach israelischer Zeit. (Meine Uhr ist so ultramodern, dass ich sie nicht umstellen kann. Somit zeigt sie weiterhin MESZ an. Da wäre 3.30 Uhr genau richtig gewesen.) Carsten (den ich wohl geweckt haben musste) machte mich auf den Irrtum aufmerksam. Versuchten, noch eine Stunde zu schlafen - und wachten deutlich später auf.
Ließen das Zimmer bewusst unordentlich zurück. Aufräumen bringt ja nichts - das muss nicht doppelt geschehen...
 
(Carsten) Toller Tag. Heftige Arbeit. Klasse Frühstück. Mehr brauche ich gar nicht. Für heute Abend ist ein Ausflug in die Jerusalemer Altstadt geplant.
 
(Daniel) Erneut umwerfend: Das luxuriöse Frühstück-Buffet - organisiert vom Hotel, aber romantischerweise direkt auf dem Grabungsgelände. So was können sich Studenten nicht mal sonntags zum Mittagessen leisten...
In area B wurden heute die ersten größeren Funde gemacht: Ein Bunker (wohl von 1948), mehrere interessante Mauern - und eine Öffnung, die verdächtig nach einem Grab aussieht. Knochen gab es noch keine. Was auch gut ist - denn auf Grund der strengen israelitischen Gesetzgebung (und vielen ultraorthodoxen Juden, die die Ausgrabung genau verfolgen) - wäre dann sofort Schluss mit diesem Teil des Projektes.
 
(Carsten) Wir machten einen Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Stadt Jerusalem, während wir vom Zion zur Klagemauer pilgerten. AN der Klagemauer waren wir nicht, konnten aber den Vorplatz und den Felsendom neben der Al-Aksa-Moschee überblicken. Unser »Supervisor for Intercultural Relationships« Omer machte uns den Tourguide. Er meinte, dass die Sicherheitskontrollen für den Zutritt zu den heiligen Stätten sehr hoch seien und man sich sogar ausziehen müsse. Kommen nächste Woche mit frischer Unterwäsche wieder.
 
(Daniel) Sitze noch im Internetraum. (Eigens für die Ausgrabung eingerichtet - mit sechs Rechnern.) Die anderen sind schon im Bett. Auch Manfred, der seinen Computer vorhin nicht ins Internet bringen konnte. (Dagegen klappt es sogar mit Jonathan - Carstens Laptop.)
23.20 Uhr. Five hours left...
Mittwoch, 20. Juli:
(Daniel) Bekam das allgemeine Wecksignal (Hämmern an die Türen, hastiges »Good morning«, unverständliche hebräische Silben) nicht mit. Muss wohl zu wenig geschlafen haben.
 
(Carsten) Ein herrlicher Morgen! Wir sehen hier jeden Morgen die Sonne aufgehen, wenn wir mit frischem Wind zum Grabungsgelände schlafwandeln. Ich liebe diese Morgenstunden, ich liebe diese Arbeit, ich liebe das Frühstück, das auf mich wartet und ich liebe Shahaf, mein Vorbild. Er ist Archäologiestudent aus Tel Aviv, wird heute 29 Jahre alt, hat Muskeln aus Fleisch und Blut und leitet zusammen mit Niri meinen Grabungsabschnitt. Er kann einen Boden wie Beton mit einem Pickel (pickaxt) aufschlagen, als sei es Mamas Blumenbeet. Ich habe ihn seit Montag beobachtet, imitiert... und heute nannte er mich den besten »pickax(t)er«, den er je gesehen habe. WOW. Das geht runter wie Butter, sagte ich ihm. Ich mag gar keine Butter. Alles lachte. Ich war stolz wie - wie... halt superstolz. Meine Hände sind schon völlig aufgerissen und schmerzen. Ich liebe dieses Leben als Indiana Jones. Hier hat man es endlich mal mit Männern zu tun.
 
(Daniel) ...es war ein Grab! Auch fünf weitere Vertiefungen in area B entpuppten sich als Teile eines relativ großen Friedhofs. Als die ersten (Brust- und Schulter-)Knochen auftauchten, wurde unser Supervisor-Team zunehmend unruhig. Wussten nichts damit anzufangen und buddelten munter weiter. Schließlich wurden wir zu einer konspirativen Versammlung zusammengerufen. Bei Eis und frischen Früchten - wie immer in den Pausen :-)) - wurde uns die strenge israelische Gesetzgebung erklärt, die das Ausgraben von Totenruhestätten streng verbietet. Hängt u.a. mit der jüdischen Auferstehungsvorstellung zusammen.
Prof. Oded Lipschits (der archäologische Leiter) und sein Team entschieden sich dafür, die Untersuchung in den betroffenen Squares zu beenden. U.a. erschien es nicht sinnvoll, das (bis 2010 dauernde!) Grabungsprojekt unnötig zu gefährden. Nicht nur der Staat hätte eingreifen können - die Israelis erzählten uns von Fällen, in denen ganze Ausgrabungsareale von nächtlichen unbekannten Tätern mit mehreren Tonnen Sand zugeschüttet worden seien. Last but not least ist relativ bekannt, wie Gräber aus der byzantinischen Epoche aussehen. Zu neuen Informationen wären wir somit ohnehin nicht gekommen.
Trotzdem waren einige Teammitglieder enttäuscht. Hatten wohl auf wertvolle Grabbeilagen gehofft. US-Dollars und so.
Das Resultat all dieser Turbulenzen: Wir sind arbeitslos. Morgen sollen wir unseren Kollegen in area A unter die Arme greifen, denen wir (vor versammelter Runde) als »the toughest diggers of the whole project« vorgestellt wurden. War sehr stolz. Carsten wird sich schwarz ärgern. Er meint immer, auf Grund seiner Bund-Erfahrungen sei er allen anderen weit überlegen. Verstehe nicht, warum sie gestern ausgerechnet ihn ausgewählt haben, um die anspruchsvollen Arbeiten an einem Wassertunnel (area C) vorzunehmen. Wahrscheinlich war niemand sonst in der Nähe.
War den ganzen Tag über sehr müde. Werde heute unbedingt sehr früh ins Bett gehen.
 
(Carsten) Area B wird modifiziert. Man sagte uns, dass die Ausgräber dort, zu denen auch Daniel gehört, zum Teil zu uns stoßen würden, damit wir ihnen zeigen könnten, wie man richtig gräbt. Daniel freut sich auch schon darauf. Anders kann ich mir sein Dauergrinsen neuerdings nicht erklären.
Abends waren wir wieder in Jerusalem, aber diesmal nicht in der Altstadt, sondern in der King-David-Street, wo das King-David-Hotel gegenüber dem YMCA steht. Alles sehr schön hier und ganz friedlich. Es ist ungewöhnlich, dass aus einer solchen Stadt immer wieder Schreckensnachrichten nach Deutschland kommen. Unser Rundgang endete in einer belebten Straße, deren Namen ich vergessen habe, aber wo halt irgendwie ein Stück weit die ganzen Kneipen sind... ähnlich wie in der Heidelberger Hauptstraße, bloß im Orient und dennoch modern. Habe mich an unseren Hirten Omer gehalten, weil er sicher die besten Kneipen kennt. Hatte auch Recht damit.
 
(Daniel) Meine neueste Entdeckung: Mit »Skype« kann man über´s Internet telefonieren - weltweit für 1,7 Cent pro Minute. Testete ausführlich. Kam deswegen etwas später (23.00 Uhr) in unser Zimmer. Carsten schlief schon - trotz unerträglicher Hitze. Programmierte die Klimaanlage auf 10 Grad Zimmertemperatur. Stellte sie wieder aus, weil ich Angst um meinen Pulsschlag hatte. Kann ja nicht sicher sein, dass Carsten mich weckt und überleben lässt.
Las noch eine halbe Stunde. Muss morgen trotzdem früh raus.
Donnerstag, 21. Juli:
(Daniel) Verpasste wieder das Wecken. Allerdings kam diesmal auch niemand. Carsten machte mächtig Druck, obwohl es erst 4.30 Uhr war. Wollte genügend Zeit für´s Rasieren - und für den gemeinsamen Start in der Hotel-Lobby (mit coffee and cake). Ist schon gut, dass er da ist.
Hörte, dass Oded Lipschits auch Deutsch spricht. (Und das, wo seine spontanen Witze doch schon auf Englisch erstklassig sind!) Dachte angestrengt über negative Äußerungen in meiner Muttersprache nach, die ich in seiner Gegenwart getätigt haben könnte. Mir fiel nichts ein.
 
(Carsten) Beim Frühstück im Grabungsgelände (nach wie vor 4 Sterne!!!) kam es heute zum Eklat. Jeder hätte doch wissen müssen, dass man nicht ungeduscht mittag essen gehen darf. Oded, der Leutnant der Reserve ist, hatte es sogar mehrmals ausdrücklich befohlen. Dennoch gab es Beschwerden von der Hotelleitung, die leider auch begründet waren, über einzelne Ausnahmen. Omer, Odeds Assistent, der sogar Hauptmann der Reserve und erbitterter Kriegsgegner ist, fand dafür deutliche Worte. Ich liebe es, wenn eine klare Sprache gesprochen wird. Von den Jungs kann es keiner gewesen sein, denn unsere Duschen waren überbelegt.
 
(Daniel) Beim Graben ausführliche theologische Diskussionen mit Manfred. Unterhielten uns über das Verhältnis von AT und NT. Ständig diese Tuscheleien hinter unserem Rücken, wer denn nun wieder ein Verhältnis mit wem habe. Lernte, dass Erich Zenger kein Schweinefleisch essen dürfte, wenn er die Aussagen in seinem Standardwerk auch nur annähernd ernst meint. Manfred hat ihm das auch mal persönlich gesagt. Wir können die hebräische Bibel nun mal nicht als Nichtchristen lesen. Viele neue Gedanken - super!
Nach getaner Arbeit lud Manfred uns sogar zum Orangensaft ein. Der kostet nämlich extra - auch nach bestandener (äußerst strenger!) Eingangskontrolle an der Speisesaal-Tür.
Nach dem Mittagessen gleich zum Internet-Terminal. An der Rezeption die übliche Prozedur: »I am a member of the excavation team. Could I have the key for our room, please?«. - Verständnislos-unwilliges Schweigen. Wirkte wahrscheinlich verdächtig, weil ich geduscht hatte. Fand einen Schleichweg über den Aufzug des Servicepersonals. Chuck (einer unserer Amis) war auch online. War auf demselben Weg gekommen wie ich. Zum Glück brach kein Feuer aus.
 
(Carsten) Heute Abend Party im Kibbutz. Yeah, yeah, yeah... beim Bund war das auch immer so am Donnerstag. Dort halt in der Kaserne. Kibbutz und Kaserne ähneln sich schon vom Anfangsbuchstaben her. Ansonsten haben sie nicht viele Ähnlichkeiten: Im Kibbutz werden ja viel mehr Waffen getragen. Ich fühle mich sehr sicher. Und auch das liebe ich.
 
(Daniel) Morgen geht´s zur ersten weekend tour. Unsere Zimmer werden über´s Wochenende vermietet. Müssen sie deswegen räumen. Carsten nimmt all sein Gepäck mit - auch den Koffer. Total aufwändig! Dabei gibt es doch einen luggage room im Hotel. Packte meinen Rucksack. Brauchte fast eine Stunde, um nichts zu vergessen.
Carsten will meinem Notebook einen Namen geben. Erzählte allen möglichen Leuten davon. (Er, nicht ich.) Welch alberne Idee!
Entdeckte Blut auf meinem Leintuch. In Gedanken war ich schon auf dem Weg zur Rezeption (wäre ja noch schöner - regelmäßiges Duschen verlangen, aber selbst nachlässig sein!). Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass die Bettwäsche definitiv nicht täglich gewechselt wird. Meine eigenen Schürfwunden waren schuld.
Später sah ich Jonathan beim Mittagsschlaf zu. Er lag im Standby-Betrieb auf dem Nachttisch, während Carsten sich ebenfalls von den Strapazen des Tages erholte. Wirkte irgendwie friedlich. Hätte auch gern so eine persönliche Beziehung.
Entdeckte zwei Risse in meinem Leintuch. Die kommen nicht von mir!
Ging mit zur wöchentlichen Beach-Party, die in einer kleinen Kibbuz-Disco stattfand. Blieb nur fünf Minuten, weil lediglich das Bier kostenlos war. Wollte rasch schlafen gehen, quatschte aber noch mit Verena, Conni, Agus, Kai und einem der Israelis. Er heißt »Schakab«, aber ich weiß nicht, wie man das schreibt. Carsten ist ganz begeistert von ihm - vor allem von seinen Oberarmen.
Gegen 23.00 Uhr im Bett. Wo Carsten nur bleibt...?!
 
(Carsten) Daniel muss verrückt sein. Er verließ die beste Party meines Lebens schon nach fünf Minuten. Da nur das Bier kostenlos war, musste ich mich daran gewöhnen, aber nach drei Bechern merkte ich gar nicht mehr, dass mir das gar nicht schmeckt. Habe mit Jakob Wright am Tresen gesessen und die Bardame belästigt, bis ich Jakob da alleine ließ und auf die Tanzfläche verschwand. Sabine meint, ich sei ein toller Tänzer. Einer von uns beiden muss wohl zu viel getrunken haben. Sabine ist nett. Hanna auch. Und ich war es auch ganz nett. Fragte mich in dem Moment, wo wohl Verena steckt. Manfred tanzte wild und ausgelassen. Wow, das muss man gesehen haben. selbst den Israelis blieb die Spucke weg. Niri fragte mich, ob es denn stimmen würde, dass in Deutschland die Professoren eher distanziert zu den Studenten seien, entsprechend ihrer speziellen Würde. Ich antwortete ihr: »Normalerweise schon. Aber schau mal auf die Tanzfläche, dann siehst Du, warum ich Manfred so mag.«
Blieb viel zu lange auf der Party, aber es waren einfach genau die richtigen Leute da, mit denen man Spaß haben konnte. Zum Schluß tanzten nur noch Omer, Shahaf und ich, an der Bar waren Mike und Chuck. Wir wurden im Polizeiauto ins Hotel gebracht.
Freitag, 22. Juli:
(Carsten) Wachte auf mit Nasenbluten. Zum Glück! Es war genau 4:30 Uhr. Kopfweh. Muss Zimmer räumen.
 
(Daniel) Wachten um 4.30 Uhr auf - früh genug. Carsten überbrachte mir die Information, dass das Hotelzimmer schon VOR der Ausgrabung zu räumen sei. Hantierte hektisch mit mehreren Plastiktüten - eifrig darauf bedacht, die Utensilien für´s Wochenende auszusortieren.
Kamen zu spät in die Lobby. Nur noch fünf Leute dort. Machten verwundert-amüsierte Mienen, als sie unsere Koffer sahen. Der Luggage room wird erst zum Mittagessen geöffnet. Begriff, dass Carsten sich geirrt hatte. Zurück ins Zimmer. 15 Minuten zu spät auf dem Ausgrabungsgelände.
 
(Carsten) Scheiß Tag! Die Luft war einfach raus nach der letzten Nacht. Hatte Shahaf gebeten mich zu schlagen, wenn ich nicht pünktlich bei der Arbeit wäre. Habe Angst vor seinem Punch. Damit kann er nicht nur das härteste Erdreich aufreißen, sondern auch meinen Brustkorb. Bat ihn bis zum Frühstück damit zu warten, damit ich reagieren könne. Er lachte mich nur an. Was für ein Mann!
 
(Daniel) Schlechter Start. In area B öffneten wir einen neuen Sektor - nördlich von den verbotenen. Standen uns zu sechst auf den Füßen, bis ich entnervt bei den anderen in area A vorbeischaute. Musste dort an einer umfassenden Putz-Aktion teilnehmen. Für die Bilder eines professionellen Fotografen musste möglichst viel Staub entfernt werden. Motivierte mich ungemein. Kehrte...zurück in mein Gebiet. Wurde vom Frühstück unterbrochen.
Danach gröbere Grabungsarbeiten - und immer wieder die »bucket line« zum nahe gelegenen Erdhaufen. Arbeit ging gut voran. Allerdings immer nur für fünf Minuten. Dann wurden wir von unseren Chefs zum Trinken gezwungen (eiskaltes Wasser ist immer vor Ort!).
Deckten area B gründlich ab - so dass sie vor Grabräubern, Touristen und ähnlich üblen Gestalten sicher ist.
Spüre inzwischen Muskeln, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie überhaupt gibt. Am Stärksten meldet sich der dritte Teil des Mittelfingers an der rechten Hand. Zum Glück bin ich kein Mediziner. Dann müsste ich jetzt den passenden Fachbegriff nennen (den ich gar nicht kenne).
Schob es auf die unruhige Nacht (Carsten hatte mich um 1.00 Uhr geweckt, obwohl die Party doch nur bis 23.00 Uhr ging!) und ging einige Minuten früher. Dusche frei!
 
(Carsten) Unglaublich, was für Blasen und Wunden ich an all meinen Fingern habe. Tut weh, aber ich sag es immer nur denen, die sowieso in der Nähe sind. Über das Wochenende kann ich mich hoffentlich erholen, wenn wir das westliche Galiläa mit Caesarea (klingt wie area C *grins*), Akko, Haifa und Megiddo visitieren. Was für ein Trubel bei der Abfahrt. Die ganze Truppe musste im Hotel Handtücher klauen für den Strand.
 
(Daniel) Wollte die Fahrt über die Augen offen halten. Ging aber nicht. Vertraute darauf, dass die große Autobahn Nr. 4 Richtung Norden nicht zu den entscheidensten Sehenswürdigkeiten gehört.
Carsten muss sich beim Graben übernommen haben. Bat mich darum, eine herkömmliche Wasserflasche zu öffnen. Meine Hand schmerzte wie wild, aber das ließ ich mir nicht anmerken. Schade, dass Schachav (?) nicht da ist.
Erster Halt in Caesarea. Stiegen aus dem klimatisierten Bus. Draußen war es richtig schön warm (einzelne sprachen gar von »unsäglicher Hitze«). Man schwitzte, ohne sich anzustrengen.
Hatte meine Sonnenbrille vergessen. Zum Glück stand die Sonne weit oben - sonst wären mir viele eindrückliche Dinge entgangen:
  • Carstens spontaner Auftritt als actor im römischen Theater (eigentlich wollte er nicht - aber dann traf es ihn doch).
  • Die steinerne Inschrift, die Pilatus vom mythischen Fabelwesen zur reellen historischen Person macht (und damit die Passionsgeschichte der Evangelien geschichtlich verankert).
  • Die Halle, in der vermutlich Paulus verhört wurde (vgl. Apostelgeschichte 25).
 
(Carsten) Caesarea ist unerträglich. Das Wasser macht die Hitze zu einer Gesundheitsgefahr. War sehr leicht bekleidet, eingeölt, trug meine neue Excavation-Mütze und trank eine Flasche Wasser nach der anderen. Die Sonnenbrille outete mich erst recht als Tourist. Ich hasse das. Musste ständig auf´s Klo, wegen des Wassers. Sowohl das Meeresrauschen als auch was ich getrunken hatte komplettierte während eines Rundgangs durch den antiken Hafen mein Blasenleiden. Keine Toilette in der Nähe. Nachdem wir das Theater und die Pferderennbahn gesehen hatten, benahm ich mich für die Außenstehenden ziemlich seltsam, denn ich sprang umher und hüpfte wie ein junges Fohlen bei seinem ersten Auftritt in der Arena. Ich wäre beinahe geplatzt, als ich etwas entfernt ein Dixiklo entdeckte und wie in Trance darauf zu hielt. Daniel muss mich die ganze Zeit beobachtet haben, denn als ich wieder zur Gruppe stieß, fragte er mich, ob ich denn ein Klo gefunden hätte. Ich sagte: »Das war der Geräteschuppen!« Er glaubte mir sogar. Was denkt der Kerl nur über mich?
Anschließend waren wir im Mittelmeer schwimmen. Herrliches Wasser, badewannenwarm! Ließ mich knusprig braun backen... eingeölt war ich ja schon.
 
(Daniel) Ankunft in Nes Ammim. Auch dort haben wir ein Hotel. Begannen gleich mit dem Abendessen. Las nebenbei die Zimmerliste durch und erstarrte. Rechnete minutenlang damit, in der Garage unterzukommen. Carsten erklärte mir, dass ich die Zeile »Daniel Schlunk & Cars« anders auffassen müsse. Gleichzeitig meinte er, wir beide seien im gleichen Raum. Woher er das wieder weiß?
Der Sabbath nahte - und so hatten wir die Gelegenheit, die Einleitungsfeier mitzuerleben. Manche Teenies wirkten ähnlich unkonzentriert wie hiesige Konfis - aber das änderte nichts an der Eindrücklichkeit des Geschehens.
Bezogen anschließend unsere Räume. Beschlossen umgehend, für immer hierzubleiben (d.h. für die nächsten zwei Wochen). Wir haben eine (kleine) Badewanne, ein gemütliches Wohnzimmer, einen Fernseher (mit BBC und CNN!). Na ja, und ein Ehebett.
Kleine Korrektur: Setzte mich auf die Couch, die umgehend zusammenbrach. So was!
Samstag, 23. Juli:
(Daniel) Wachte pünktlich auf. ZU pünktlich. Um 5.00 Uhr blieben mir noch drei Stunden bis zum Frühstück. Das Warten lohnte sich aber. Orangensaft und Müsli im Überfluss!
Akko ist der Hammer. Unter der heutigen (arabischen) Stadt liegt nochmal eine - mit riesigen Hallen, Abwasserkanälen usw.! Geht auf die Kreuzfahrer und frühere Bewohner zurück. Die Ausgräber müssen wahre Giganten gewesen sein. So wie Schaccav (?). Na ja - sie hatten auch mehrere Jahrzehnte Zeit.
 
(Carsten) Ich will zurück nach Ramat Rachel. Das Hotel hier bei Akko ist zwar ganz nett, aber die Teller und das Besteck sind klebrig. Hatte keinen Appetit. Die Arbeit fehlt mir auch, bemerke aber, dass mein Blasenleiden zurückgeht, was sehr angenehm ist. War heute in Nazareth. Kann mit diesem Marienkult nichts anfangen. Irgendwie ist Jesus in der Verkündigungskirche nur Nebendarsteller, wobei Maria die Mittlerrolle zwischen Gott und den Menschen einnimmt. Dieses Konzept überzeugt mich nicht.
 
(Daniel) Jesus wuchs in einer Großstadt auf! Keine Spur mehr vom elenden Provinz-Kaff, mit dem damals keiner was anfangen konnte. Testeten gemeinsam typisch israelisches Fast Food - z.B. Falafel. Gingen anschließend zur Church of Announcement - in Erinnerung an das Haus, in dem Maria auf ihren Engel-Besuch stieß. Rund um die Kirche viele große Maria-Darstellungen aus verschiedenen Nationen. Die deutsche ist die mieseste. Maria hat dort zwei Kinder. Drinnen viele weitaus schönere Ecken.
 
(Carsten) In Nazareth gibt es günstige Süßigkeiten. Allerdings werden sie wieder teurer, wenn einem statt 6 Päckchen türkischem Honig 7 berechnet werden. Mir fällt auf, dass in Galiläa die Leute keineswegs so politisch sind wie in Juda. Wo man in Jerusalem an fast JEDEM Auto entweder ein orangenes oder blau-weißes Bändchen findet, fehlt hier von ihnen jede Spur. In drei Wochen sollen die jüdischen Siedlungen im Gazastreifen geräumt werden, und die Orangeträger melden mit ihren Bändeln stillen Protest dagegen an. Die Blau-Weißen sind Bajuwaren... quatsch... natürlich Befürworter des Gazaabzugs, die dennoch die hiesigen Nationalfarben hochhalten. Auf unseren Reisebegleiter, nicht Omer, trifft beides zu: Er ist Bajuware UND für den Abzug. Ist ein heißes Thema hier, aus dem ich mich sicher raushalten werde.
 
(Daniel) Noch eine Korrektur in Sachen Hotel-Komfort: Es gab dort kein Abendessen. (Kann man aber verstehen - es war immer noch Sabbat!) Fuhren nochmal nach Akko - diesmal in den modernen (weitgehend arabischen) Teil. Hübsches Restaurant direkt am Meer. Es roch nach Fisch - und nach Katzen, die bettelnd auf unsere Kebab-Teller starrten. Werde von ihren Augen träumen.
Carsten meint, ich solle mich mal rasieren.
Sonntag, 24. Juli:
(Daniel) Besuchten die Hängenden Gärten der Bahai, gegenüber denen jede Landesgartenschau wie ein verkümmertes Blumenbeet wirkt. Lernten Manuel Muller aus den USA kennen, der als volunteer für zwölf Monate den Eingang zum Tempel bewacht. Muss u.a. chinesischen Touristen verbieten, die Rasenflächen zu betreten - und kichernde Studenten aus Heidelberg ermahnen, ruhig zu sein.
Einer der unzähligen Arbeiter (alle schauten durchgehend auf den Boden) bearbeitete eine schnurgerade Hecke. Wollte sie noch gerader machen. Kommt mir gar nicht mehr so merkwürdig vor, dass die Einrichtung der gesamten Anlage ca. 250 Millionen Dollar gekostet hat. (Carsten hat »Milliarden« verstanden - aber so teuer wird es nicht gewesen sein, Mr. Muller zu engagieren...)
Besuchten ein beschaulich-übersichtliches Drusen-Bergdorf (gerade mal 17.000 Einwohner). Die Drusen haben ihren Ursprung im Islam, haben aber nichts mit ihm zu tun. Genossen ein »typisch drusisches« Essen (Pommes Frites, Fladenbrot, Cola, verdächtig europäischen Caf). War genau wie in Kana - das Beste kam zum Schluss (als wir schon satt waren). Entdeckten in den Souvenir-Shops unzerbrechliches Glas.
 
(Carsten) Habe den perfekten Souvenir-Shop gefunden. Alles superbillig und handgemacht in diesem Drusendorf. Wollte eine wunderschöne Handtasche für meine Mutter kaufen. Sah, wie Daniel seine Souvenirs um mehr als die Hälfte des Preises runter schwatzte. Er sagte mir, ich solle es einfach genauso machen und antäuschen, als ginge ich, wenn der Druse nicht drauf eingeht. Er würde mir schon noch hinterherrufen. Ich sagte also, dass ich für diese Tasche nicht mehr als die Hälfte zahlen würde, und ging, als ich offensiv ignoriert wurde. Ich machte das mit dem vorgetäuschten Weggehen so gut, dass ich mich plötzlich in unserem klimatisierten Bus wiederfand, ohne Handtasche, und wehmütig auf den Souvenir-Laden hinter mir schaute. Da hing eine spottbillige, aber wunderschöne Tasche, die ich zu gerne für den Normalpreis gekauft hätte.
 
(Daniel) Fuhren zurück. 17.00 Uhr Ankunft in Ramat Rachel. Unterricht.
Mein neuer Sieben-Tages-Bart steht mir definitiv nicht. Werde ihn bei Gelegenheit beseitigen.
 
(Carsten) Zurück im Hotel Ramat Rachel. Unterricht. Super-GAU. Wegen der neuen Grabungsteilnehmer, die heute zu uns gestoßen sind, wurden wir erneut in die Theorie der Grabung eingewiesen, wozu eine Folie mit den Grabungsarealen im Gitternetz aufgelegt wurde. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter, als ich neben area C eine neue area C2 erkannte. Mir war klar, dass bisher meine area A die einzige war, die statt einem sogar zwei Supervisors hatte: Nirit und Shahaf. Fiel fast vom Stuhl, als ich hörte, Shahaf würde abgezogen werden. Hätte dasselbe auch für Nirit getan.
War mit Sabine, Verena und Gesina auf dem Parkplatz. Klauten orangene Bändel von den parkenden Autos. Ab jetzt sind wir politisch.
 
(Daniel) Haben neue Zimmer bekommen. (Das Hotel ist definitiv overbooked - und so wird jeder freie Winkel vermietet, den die Wochenend-Touristen freigeben.) Sind im alten Zimmer von Verena und Konni - und die haben ausgerechnet unser ehemaliges Domizil (direkt gegenüber) bezogen. Boten uns in aller Freundschaft einen Tausch an. Fürchtete eine fiese Falle und lehnte deswegen ab.
Wahrscheinlich sind wir kräftig reingefallen. Unsere Klimaanlage klingt, als ob sich ein Marder in ihr eingenistet hat. Bzw. »hatte«.
Montag, 25. Juli:
(Daniel) Carsten meinte, sein Leintuch sei zerrissen. Kann mir gut vorstellen, dass er´s selber war - aber falls nicht, wäre das ein weiteres Argument gegen unser neues Quartier...
Mein geschätzter Zimmergenosse äußerte sich ausgesprochen negativ über einen neuen Mit-Ausgräber. Meinte, dessen »enormes Fachwissen« ginge ihm auf die Nerven. Kann diese Haltung absolut nicht nachvollziehen. Wir können doch froh sein, so renommierte Experten unter uns zu haben!
 
(Carsten) Eine Viertelstunde vor dem Frühstück war es soweit, dass unsere Gruppe von area A den stillen Protest gegen den Abzug Shahafs aus unserem Gebiet durch das Tragen von orangenen Stirnbändern, auf denen mit hebräischen Lettern Shahaf zu lesen war, an die Öffentlichkeit brachte. Wir arbeiteten in gewohnter, aber noch motivierterer Weise jeder an seinem Grabungsabschnitt, während Oded verschiedene wichtige Leute und Geldgeber über unser Gelände führte. Sogar Nirit trug ein orangenes Haarband. Als wir damit zum Essen kamen, meinte Chefexcavator Gilad, wir hätten wirklich begriffen, wie Israel tickt. Oded schoss Bilder von uns und lachte herzlich. Shahaf fiel vor uns auf die Knie. Nichts änderte sich an der Situation. So tickt halt Israel.
 
(Daniel) Schaute zwischen Dusche und Mittagessen bei der Rezeption vorbei. Stieß auf dieselben Mitarbeiter, die damals den Schlüssel zum Internetraum nicht rausrückten. Nehme an, mein Hinweis auf die defekte Klimaanlage wird keinerlei Erfolg haben. Dazu kann ich nur sagen: Schlechter Service! Geradezu unverschämt! So was aber auch!
Ha! Konni von drüben hat Blutflecken in ihrem Bett. Wie gut, dass wir umgezogen sind...
Die Klimaanlage läuft wieder! Wie eine Eins. »Cooler« Service!
Beim Essen unterhielt ich mich mit einem der neuen Mitglieder im Grabungsteam. Ist Doktor. Experte für altaramäische Inschriften (während er sich mit der assyrischen Sphragistik nicht ganz so gut auskennt). Ramat Rachel ist seine ca. 53. Grabung. (Alles passte verdächtig gut zu Carstens akkurater Beschreibung der Person von heute morgen.) Sehr deprimierender Gesprächsverlauf. Was habe ich in den letzten vier Semestern gelernt?! Wusste weder, dass edomitische Wasserleitungen schon vor der Eisenzeit existierten, noch kannte ich mich mit den frühen Siedlungsprinzipien der späten Nabatäer aus. Kam mir überaus klein, dumm und unbedeutend vor. Wie soll ich so als Pfarrer in der Praxis bestehen können? Werde mein Theologie-Examen verschieben (müssen).
 
(Carsten) Habe den Eindruck, Daniel ist unter die Propheten gegangen. Wie kommt es, dass er mir ständig zusammenhanglos Sachen zuflüstert, zu Themen, die mich gerade beschäftigen? Habe abends noch mal in meinen alten Notizen aus dem Tagebuch gelesen, und mich gefragt, was Daniel dazu sagen würde. ICH HATTE AUF ALLES EINE ANTWORT! Ob das seine spezielle Geistesgabe ist? Werde ihn prüfen müssen.
 
(Daniel) Am Abend zwei Vorlesungen. Spannend, aber länglich. Für Lacher sorgte der Ausdruck »Vercay Effect«. Dozent Gilad (archäologischer Leiter der areas A und B) wollte damit auf den berühmten Prachtbau Ludwigs XIV. hinweisen.
Abendliche Pool-Session. Staunte nicht schlecht, als Manfred mit elegantem Schmetterlings-Schlag an mir vorbeirauschte. Sportlicher Typ! Die anschließende Chance, mit dem Professor im (über 30 Grad warmen) Whirlpool zu entspannen, ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Interessante Infos über Dozenten-Kollegen usw.
Carsten hatte einen schlechten Tag. Kam schließlich um 22.00 Uhr ins Zimmer und meinte, sogar auf der Toilette sei er Dr. ... über den Weg gelaufen. Da half nur noch rasches Einschlafen.
Habe vergessen, mich zu rasieren.
Dienstag, 26. Juli:
(Daniel) Ermüdende Arbeit im neu eröffneten Square. Hacken, Schaufeln. Zudem fehlte Ken (Amerikaner, über 70, bislang für den Eimer-Abtransport zuständig). Schon ein halber Schahccav (?) hätte uns entscheidend weitergeholfen.
Derweil richtete sich der Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit auf die Kollegen im benachbarten Abschnitt. Auch dort tauchen - bislang undefinierbare - Vertiefungen auf...
 
(Carsten) Habe heute schwer geschuftet, wie sonst auch, aber heute haben wir endlich den Grund unseres Squares erreicht, nachdem wir über eine Woche lang nur Müll vom Kibbuz hier ausgegraben haben. Leider sind wir nicht ganz fertig geworden, sind aber vollmotiviert für morgen. Gilad hat sich über das Wochenende an der Hand verletzt. Sein Finger sei nicht ganz in Ordnung. Schlug ihm vor, sich im Second-Hand-Shop einen neuen zu kaufen.
 
(Daniel) Die nächste Jerusalem-Tour. Heute mit einem besonderen Highlight - der Holy Grave Church. Hier wurde Jesus gekreuzigt und begraben. Bemerkenswerterweise stützen die archäologischen Fakten diese christliche Tradition. Sogar den Golgatha-Felsen von damals kann man anschauen (und berühren, wenn man will). Eindrückliche Erfahrung. Stand minutenlang einfach da. Weiter unten (in der syrischen Kapelle) ein jüdischer Friedhof. Ob Joseph von Arimathäa sein Privat-Grab hier hatte? Könnte gut sein!
Trennten uns anschließend - für die Heidelberg-Gruppe war der Herodes-Tunnel zu klein. (Holen es angeblich nächste Woche nach.) Nutzten die freie Zeit, um den arabischen Markt zu besichtigen. Schauten an der Klagemauer vorbei. Bekamen dort Einweg-Kipphas aus Papier. Auch hier sehr eindrückliche Erfahrungen. Immerhin handelt es sich um den heiligsten Platz des Judentums. Kam mit einem Rabbi ausführlich ins Gespräch.
Zum Abschluss ein Abstecher zum Pizzabäcker. Manfred ist C4-Professor - deswegen konnte er uns alle einladen.
Einige Meter weiter unten lief die Sache weit weniger rund. Wir bekamen das in Form einer 45minütigen bangen Wartezeit zu spüren. WIR waren zum vereinbarten Zeitpunkt im Bus - der Rest (um Gesamtleiter Omer) nicht. Hatten keine Ahnung, was wir machen sollten. Schließlich die Auflösung: Der Ausgang des Herodes-Tunnel war abgeschlossen worden - pikanterweise von innen. Unsere Mitreisenden waren - zusammen mit fünf anderen Touristengruppen - gezwungen worden, umzukehren. Ephraim Kishon liegt also doch richtig. Und unser Tourguide auch. Er meinte, bisher hätten wir in einer professional bubble gelebt. »But this is the real Israel.«
Mittwoch, 27. Juli:
(Daniel) Omer drückte sich heute um die »daily announcements« beim Frühstücken. Wurde von einem Archäologen höheren Ranges vertreten - Yuval Gadot -, der uns vor der enormen Hitze warnte. In der Tat war die Luft so trocken, dass man nicht mal schwitzte. Da hilft nur noch: »Drink, drink, drink!«.
Half beim Messen von Höhen in area B. »Höchst« mathematische Angelegenheit. Mit dem Nivellierer mussten wir zunächst einen neuen Fixpunkt (»Benchmark«) setzen. Der ursprüngliche stammt vom Staat Israel selbst, der die Lage von Ramat Rachel auf den Millimeter genau ermittelt hat.
Zunehmend mehr Leute sprechen mich auf meinen Bart an. Habe den Eindruck, dass sie mich dezent-unterschwellig von einer Rasur überzeugen wollen. Hatte Hunger und ging deswegen rasch zum Mittagessen.
 
(Carsten) Waren heute Abend im Bible Land Museum. Spannende Ausstellung, aber nervtötendes Detailwissen eines kleinen Doktors aus unserem Team. Daniel entdeckte einen babylonischen Schmuckziegelstein, aus dem eindeutig die Stoßstange eines Zuges herausragte. Er nannte es Eisenbahnpuffer. Darunter befand sich die Beschriftung »Decorative brigg with a pommel«, was ich ihm spontan als »dekorativen Stein mit Pummel dran« übersetzte. Manfred meinte, es sei wohl eher Simsons Kleiderhaken.
Donnerstag, 28. Juli:
(Daniel) Öffnete die Augen um 4.45 Uhr. Überall Schmerzen. Schleppte mich ins Bad. Jedes Mal, wenn mir jemand entgegenkam, hob ich grüßend die Hand. Nur die letzte Person reagierte - sehr synchron. Fand mich vor dem Waschbecken wieder, wo ich auf mein Spiegelbild starrte. Gerade noch rechtzeitig beim Kuchen in der Lobby.
 
(Carsten) Seit wir hier sind, besucht uns jeden Morgen ein Fotograf namens Jossi. Er ist sehr nett und still. Durch eine gewinnende Lächel-Offensive kam ich mit ihm ins Gespräch. Als Bilder-Macher soll er täglich unsere Fortschritte dokumentieren, kommt aber nicht drum herum, zusätzlich immer wieder Schnappschüsse, Portraits und Lichteffekte der Ausgräber einzufangen. Fragte, wo er die Bilder publizieren wolle, und er nannte mir ein fashion magazine. Verschwitzt und verstaubt meinte ich, dass meine Arbeitskleidung dafür sicher nicht geeignet sei. Dies setze aber genau den neuen Trend, entgegnete er mir. Glaubte ihm, bis er fünf Sekunden später offensiv zurück lachte. Schoss noch einige Bilder von mir und ich schaute glamorous.
 
(Daniel) Beim Mittagessen höchst aufschlussreiches Gespräch mit Oded. Teilte mir mit, der Experte mit dem Metalldetektor, der uns regelmäßig unterstützt, sei - bis heute! - der gefürchtetste Ausgrabungs-Dieb Israels. Nur ab und zu gelänge es, ihn offiziell-legal anzustellen. Unser Leitungsteam rechnet fest damit, dass er auch in Ramat Rachel vorbeischauen wird - irgendwann nachts...
Da fiel die nächste Nachricht auch nicht mehr ins Gewicht: Der 16jährige Hacker, der neulich den Pentagon-Rechner knackte (und in der Weltpresse landete), ist Odeds Nachbar. War. Jetzt arbeitet er in einer USA-Sicherheitsbehörde.
 
(Carsten) Ich kann es einfach nicht verstehen, wie es einige Leute aus unserem Team vorziehen, anstatt zur Donnerstagsparty in die Stadt zu gehen. Einige wollten bummeln, andere noch mal Sightseeing machen und zu guter Letzt wollten einige sogar in den Gottesdienst. Zog die Party vor, die prompt mangels Interesse ausfiel. So ein Mist. Kurze Absprache unter denjenigen, die sich die ganze Woche auf heute Abend gefreut hatten. Trafen uns an unserem Frühstücksplatz, wo es diesen herrlichen Ausblick über Jerusalem gibt, und machten unsere eigene Party. Es war sehr schön und ebenso spät.
 
(Daniel) Am Abend Privat-Tour in die Hauptstadt. Beladen mit vielen guten Ratschlägen bezüglich der Taxi-Fahrt (»Ask for the fastest way!«, »Force the driver to use the machine!«, »Be unfriendly!« und dergleichen) fuhren wir los. Kamen glücklich an - und noch glücklicher zurück.
Kurzer Abstecher in die Christ Church (am Jaffa-Tor). Absolut lohnend! Hier feiern messianische Juden ihre Gottesdienste. (Prof. Berger würde sagen: »echte Judenchristen«.)
Anschließend Bummel durch eine der Haupt-Shopping-Straßen. Beeindruckendes Tempo - ein Geschäft pro Viertelstunde! Dass müssen die Mädels verursacht haben. Kamen gerade noch rechtzeitig zum deutschsprachigen Gottesdienst im Christus-Treff (direkt in der Via Dolorosa). Mussten anschließend rasch weiter. Schaue demnächst nochmal vorbei.
Freitag, 29. Juli:
(Daniel) Träumte, jemand klopfe an unsere Zimmertür. Minuten später wurde ich unsanft von Carsten geweckt. In der Tat - wir waren ziemlich knapp dran... Nach dem langen Abend gestern traf das aber auf so gut wie jeden zu.
 
(Carsten) Nach zwei Wochen mühevoller Arbeit, Schweiß, Blut und Gesang habe ich heute endlich einen Fund gemacht. Wir wollten meinen Square schon aufgeben, als wir auf Grund mysteriöser magnetisch-radiologischer Untersuchungen am linken unteren Eck anfingen, uns in den Stein einzugraben, den wir zuvor liebevoll mit einem Soft-Besen gereinigt hatten. Nachdem erst einmal ein Meter Kreidefels durchstoßen war, wurde eine leichte Erdschicht diagnostiziert, die auf eine Höhle schließen ließ. Shahaf meinte, dass es nun meine Aufgabe sei, die Schätze der Tiefe zu bergen, weil ich es mir durch meine vorbildliche Haltung vor allen anderen verdient hätte. Nachdem ich mich wiederum anderthalb Meter in den Berg gegraben hatte und nun in einem Loch stand, machte ich in dämmrigem Licht den Fund des Tages. Voller Begeisterung teilte ich es Nirit mit. Mit einem Hauch von Bestürzung rief Nirit augenblicklich Gilad herbei, der bei einem Blick in die Tiefe hastig Oded über das Handy informierte, der wiederum innerhalb kürzester Zeit mit Manfred herbeieilte. Jetzt sind alle sauer auf mich. Darf mit niemandem drüber reden. Kann nicht schreiben, was ich gefunden habe, weil ich den Eindruck habe, Daniel liest heimlich mein Tagebuch. Gegen 12.00 Uhr sah ich Gilad dabei zu, wie er mein Loch wieder zuschüttete. Seltsam. Sonst lässt er mich so was machen.
 
(Daniel) Carsten ist zum Totengräber avanciert. Viele neue Erkenntnisse unserer Archäologen. Aber auch um area A steht es jetzt schlecht...
Unser Zimmer gleicht einem Saustall. Der grüne Teppich ist voller Staub. Wie gut, dass wir gleich wieder ausziehen.
Brachen - gewohnt unpünktlich - zur Wochenendtour auf. Wieder Richtung Norden - diesmal aber durch das östliche Jordantal. Unser (klimatisierter!) Reisebus brachte uns in die Wüste. Nach engen Serpentinen abwärts bricht plötzlich schlagartig sämtliche Vegetation ab. Staubige Mondlandschaft. Kaum Häuser. Plötzlich holt uns die Politik ein: Rechts, direkt neben uns, eine »security street«, gefolgt von zwei Stacheldrahtzäunen. Irgendwo dahinter soll der Jordan sein. Sagen zumindest die anderen. Kurz danach passierten wir den tiefsten Punkt der Erde - über 200 Meter unter NN.
Eine kurze Toiletten-Pause bot uns einen klimatischen Vorgeschmack. Im Backofen wäre es angenehmer gewesen! Aber auch das ist Israel!
 
(Carsten) Habe heute die Wüste gesehen. Wir fuhren von Jerusalem nach Jericho, und von dort das ganze Jordantal hinauf. Die Höhenmeter fielen mit jedem Kilometer - und das so rasch, dass mir die Ohren weh taten. Bei Höhenmeter 0 - mitten in der Wüste - weckte ich Gesina, die vor mir auf dem Sitz des Busses eingeschlafen war, mit den Worten: »Schnell - zieh die Taucherbrille an...wir sind jetzt unter Wasser!«. Der Anblick ihres Gesichtes, das im ersten Moment benommen wirkte und dann Sekunde für Sekunde erwachte, war faszinierend und jedes Wort wert. Die Wüste gefällt mir nicht. Da leben Beduinen in Blechhütten, wie auf einer Müllhalde. Unser Reiseführer, der Kibbuz-Bajuware, wollte es uns als nostalgische Folklore verkaufen. Der Jordan ist so groß wie der Schwarzbach. Stellte fest, dass es für mich als Burgalber fast die gleiche Bedeutung hätte, über den Schwarzbach wie über den Jordan zu gehen, weil ich mich dann in Waldfischbach befände, was nur über meine Leiche ginge.
Konnte einen kurzen Blick auf Daniels Notizen erhaschen. Frage mich, warum er in den Backofen pinkeln will.
 
(Daniel) Das antike Bet-Schean ist unerträglich - fast 40 Grad. Kein Wunder, dass hier niemand mehr wohnt. Trotzdem: Früher waren hier nicht nur Touristen auf Durchreise - sondern jede Menge Jerusalem-Besucher aus Syrien.
Kamen in Ami´ad an. Beschaulicher, wunderschöner (und natürlich sozialistisch-autarker!) Kibbuz. Erinnert an eine deutsche Feriendorfanlage. Nur die Leute sind netter. Bin schon wieder mit Carsten in einem Zimmer. So ein Zufall! Eben der erste Supermarkt-Besuch seit zwei Wochen. Exaktere Preise habe ich noch nie gesehen: Ein Kilo Gummibärchen (koscher, deswegen superklebrig) 20,74 Schekel, »Jewish Gum« (wie wir es nennen) 5,14 Schekel.
Saßen noch bis spät in die Nacht (22.00 Uhr) zusammen. Carsten unterhielt uns prächtig. Ließ z.B. verlauten, die Bibel vertrete das Motto »Wer kotzt, lebt länger.« Bestätigte diese These gekonnt mit Psalm 90,10: »Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achtzig Jahre...«.
Wollte mich endlich rasieren. Fand die Steckdose im Bad nicht und ließ es sein.
Samstag, 30. Juli:
(Daniel) Durften ausschlafen - geweckt wurde erst um 6.30 Uhr!
 
(Carsten) Der heutige Tag zählt mit Abstand zu den besten meines Lebens. Er war wunderschön, faszinierend, schockierend, bewegend, herausfordernd, heiß, frisch, interessant, nass, lecker, abwechslungsreich und laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaange. Sehr früh brachen wir in die Golanhöhen auf, wo wir durch das tiefe Tal eines Jordanzuflusses wanderten. Es war schon recht schnell so warm, dass wir bei dem ersten Wasserfall direkt ins Wasser springen konnten, was zunächst eiskalt, aber dann einfach nur genial war. Ab dann ging die Wanderung gleich ohne T-Shirt weiter zum nächsten Wasserfall, der ebenso kühl wie erfrischend war. So war der Tag schon vor dem Mittagessen gewonnen. Der Rest an der Schönheit Israels, die ich sah, war reine Zugabe. Nahe der syrischen Grenze hatten wir ein herrliches Sandwich-Mittagessen, mit weitem Ausblick auf das Hermongebirge. Dort konnte man eine Stellung der israelischen Armee begehen, von der aus im Jom-Kippur-Krieg mit wenigen Männern die einbrechende Überzahl der syrisch-irakischen Allianz zurückgedrängt werden konnte. Jetzt sind die UN zur Beobachtung da. Zurück am See Genezareth begingen wir die Kirchen in Kapernaum und Tabgha (bei letzterer soll die Speisung der 4000 stattgefunden haben). Auf dem Rückweg zum Wochenend-Kibbuz sprangen wir noch in den See. Da der Abendwind bereits eingesetzt hatte, wie er in der Bibel beschrieben ist, hatten wir ein herrliches Wellenbad. Weit draußen zwischen den Wellen, meinte ich, wie herrlich das Wasser des Sees hier bräche. Manfred erwiderte mir vom Kamm einer Riesenwelle herab: »Dafür lebt es länger« (und lachte schallend). Daniel ist eine Petze!
 
(Daniel) Gingen über den Jordan. Enterten die Golanhöhen. Jede Menge Hänge mit Landminen - nur Kühe dürfen hier grasen...
Traumhafte Wanderung! Schmale Trampelpfade mitten durch die Natur. Strahlend heiße Sonne. Zwei Wasserfälle, an denen man schwimmen konnte. Will nie wieder weg!
Anschließend der dritte Bade-Stopp - jetzt endlich im See Genezareth! Suchten nach Fußspuren. Fanden keine.
Kein Internetanschluss im Kibbuz. Und kein Abendessen. Fuhren ins (moderne) Tiberias. Dort wurde ja schon für die Jünger gegrillt.
 
(Carsten) Es ist unbeschreiblich: Manfred hat uns schon wieder zum Abendessen eingeladen. Zum Nachtisch gab es nicht nur Wassermelonen bis zum Umfallen, sondern auch die ersten frischen Datteln meines Lebens.
Lag noch eine Weile wach, weil mich die Geschichte mit den Kühen und den Eukalyptus-Bäumen im Golan so beschäftigt. Weite Wiesen sind dort wegen Minengefahr nicht betretbar, weswegen Kühe darauf weiden gelassen werden, die von Zeit zu Zeit eine Landmine entschärfen. Das Verteidigungsministerium ersetzt sie dann durch bares Geld. Die Kuh, nicht die Landmine. Eine traumhafte Landschaft, aber nicht betretbar...unglaublich! Dann die Sache mit den Eukalyptus-Bäumen, die neben jedem zerbombten Haus im Golan stehen. Dachte zunächst, dies sei für die Bäume pflanzenden Israelis eine Art Gedenkpflanze für zerstörte Ortschaften, bis ich erfuhr, dass diese Ruinen einst syrische und nicht israelische Baracken darstellten. Durch einen Agententrick hatte es Israel im Jom-Kippur-Krieg geschafft, die Syrer diese schnellwachsenden und schattenspendenden Eukalyptus-Bäume um ihre Militäranlagen pflanzen zu lassen, was zwar aus Sicht der Syrer zur Tarnung gedacht war, aber tatsächlich aus der Luft alle ihre Stellungen preisgab, weil Eukalyptus nun mal eine ortsfremde Pflanze ist. Mit Eukalyptus-Bäumen wurde also die Schlacht um den Golan für Israel entschieden.
Sonntag, 31. Juli:
(Daniel) Unser Tourguide (geborener Münchner, seit 20 Jahren in Israel) wird zunehmend kreativer. Heute riss er uns mit »Good morning, sunshine!« aus dem Schlaf. Beschloss, Verena und Konni auf ähnliche Weise zu grüßen. Irrte mich in der Zimmertür. Der Busfahrer wirkte leicht verärgert.
 
(Carsten) Daniel und ich begannen unseren Tag mit TV-Morgengymnastik in unserem Hotelzimmer. Da wir über das Wochenende endlich einen Fernseher hatten, wurde direkt nach dem Aufstehen alles geschaut, was das hebräische Fernsehen zu bieten hatte. Als Konni und Verena ins Zimmer stolperten, bekamen sie einen Lachanfall, weil sie nicht glauben wollten, dass man mit solch kindischen Bewegungen einen so herrlichen Luxusbody erzielen könne, wie der Mann und die Frau im Fernsehen. Selbst Schuld. Wir wussten es natürlich besser. Und ich wette, die beiden machen das heimlich auch. Man sieht bei ihnen nämlich schon die ersten Erfolge.
Unser erster Stopp heute war die Kirche zu den acht Seligpreisungen oberhalb des Sees Genezareth. Es ist die schönste Kirche, die ich in Israel gesehen habe, und sie hat eine geniale Akustik. Gesina fragte mich, ob wir nicht etwas singen wollten, und kaum hatten wir beide »Laudate omnes gentes« angefangen, hallte es so eindrücklich durch den achtseitigen Raum der Kirche, dass viele, davon ergriffen, einfach mitsingen mussten. Im Nu war aus den beiden Anfangsstimmen ein mehrstimmiger Lobpreis geworden, der unter die Haut ging. War überrascht, als ich erfuhr, dass diese Kirche auf Initiative Mussolinis gebaut wurde.
 
(Daniel) Besichtigten den Berg der Seligpreisungen (samt wunderschöner Kirche) und eine alte jüdische Siedlung - benannt nach der Form des Hügels, auf der sie steht: »Gamla« (= »Kamel«). Besser zu Gesicht bekamen wir allerdings die vielen Geier mit ihren rund 50 Nestern entlang einer schroffen Schlucht. Schöne Tiere - und dazu noch sozial! Luther konnte sich Letzteres nicht vorstellen - und übersetzte im AT oft mit »Adler«...
Der Jordan existiert! Da, wo er den See Genezareth verlässt, ist er eine ganze Spur breiter als sonst. Die historische Taufstelle von Johannes hat man spontan hierher verlegt. Mit Hilfe der Treppen, Rampen usw. kann man hier jetzt wahre Massen-Events organisieren...
Mit unserer zweiten weekend tour ging auch eine Kaffeefahrt ersten Ranges zu Ende: Unser bus driver hatte uns ins Innere zahlreicher Souvenirshops (mit stets gleichem Sortiment) eskortiert - vermutlich zu Gunsten eigener Einkünfte...
Montag, 1. August:
(Carsten) Schlafe noch.
 
(Daniel) Startete hochmotiviert in die neue Woche. War sogar vor Carsten unten in der Lobby.
Auf dem Gelände Ernüchterung. Der letzte verbliebene Square in area B erwies sich derart hartnäckig, dass wir unseren Job an bezahlte (professionelle) Arbeiter abgeben mussten. (Die aber erst morgen kommen.) Verbrachte die nächsten zwei Stunden mit allen möglichen Springer-Diensten. Erst morgen wartet eine neue dauerhafte Aufgabe auf mich - in area C.
Zur Entschädigung sollte nachmittags der israelische Außenminister Peres vorbeischauen. Der fühlte sich aber nicht wohl - und sagte ab. Schade! Jacob war ganz enttäuscht. War extra pünktlich relaxt, frisiert und mit weißem Hemd im Hotel-Foyer erschienen. Wurde dann aber spontan für eine andere Aufgabe benötigt. Würde mich interessieren, wofür.
 
(Carsten) Der Wochenstart war ziemlich hart. Habe festgestellt, dass wir während des Wochenendes weniger Schlaf hatten als unter der Woche, weil die gewohnten Mittagsschläfchen ausfielen. Kann mir aber keinen Durchhänger leisten, denn als Träger von Bundeswehr-Kampfstiefeln auf dem Grabungsgelände vertrete ich die Bundesrepublik Deutschland, wenn der israelische Vize-Ministerpräsident Shimon Peres heute »unerwartet« vorbeischauen wird. Wir sollen dann überrascht ausschauen und sozialistisch lächeln. Habe es schon gestern eine halbe Stunde mit Kai, der auch die Lieder von der sozialistischen Arbeiterfront noch alle kennt, vor dem Spiegel geübt. Im Gegenzug zum »Glamorous«-Lächeln soll man beim »sozialistischen Arbeiterlächeln« eben NICHT betont desinteressiert, sondern sehr aufmerksam und überzeugt aussehen, als freue man sich seiner Wunden und Blasen, die man für die Gemeinschaft in Kauf nimmt. Irgendwie will mir niemand glauben, dass Peres nicht Außen- sondern Innenminister von Israel ist, und der Außenminister Shalom heißt. Statt dessen immer die Rückfrage: Was hat denn die israelische Außenpolitik mit Shalom zu tun? Fiese Regimegegner! Die gleichen Leute, die nicht sozialistisch lächeln können.
 
(Daniel) Habe das dunkle Gefühl, dass ich irgendwas vergessen habe. Wollte es eigentlich in der Mittagspause erledigen.
Außerdem mache ich mir Sorgen um Carsten. Schnitt heute Grimassen vor dem Spiegel - während er sich völlig unbeobachtet wähnte. Habe sonst noch nichts Auffälliges bemerkt. Werde aber wachsam bleiben.
 
(Carsten) Peres war nicht da, dafür aber das Fernsehen, das Amira und Imen interviewte, während Agus im Hintergrund sinnlos den Felsen bürstete und sozialistisch lächelte, unterbrochen von indonesischem Kichern.
 
(Daniel) Angeblich waren vorhin TV-Leute da. Peres muss sie geschickt haben, um die Enttäuschung zu mindern. Die erhoffte Sendung in den Abendnachrichten bliebt aber aus. Kein Wunder. Wer möchte Typen zusehen, die relaxt, frisiert und im weißen Hemd knochenharte Ausgrabungsarbeiten imitieren? Das ist was für dekadente Deutsche - aber nichts für felderfahrene Durchschnitts-Israelis.
Dienstag, 2. August:
(Carsten) Habe heute geschuftet wie ein Tier. Meine Hand tut weh. Den Eingang zur Höhle haben wir trotzdem nicht gefunden. Als alle am Boden zerstört waren, versuchte ich, durch meine lockere ankömmliche Art, die zerbrochenen Herzen wieder aufzurichten. Kam also mit heiterem Arbeitergrinsen um´s Eck geschossen, um Nirit (der Leiterin unseres Squares) meine neueste Theorie mitzuteilen: »Ich glaube«, so sagte ich, »dass das Loch, das wir gerade ausheben, nun eine Wendung nach links macht und der Eingang genau in dem bulk zu finden ist, der sich zwischen den beiden angrenzenden Sektoren befindet. Ich bin mir sicher, wir finden dort Fresken, Münzen, Statuen, handles und was immer wir suchen.« Nirit regte sich nicht. »Das Erschreckende«, antwortete sie, »ist doch, dass du damit wirklich richtig liegen könntest.«
Nach der Arbeit Dusche. Hörte Dr. ... unter der Dusche »Schnipp, Schnapp, Schnappi« singen. Völlig falsch, aber mit um so mehr Elan.
 
(Daniel) Carsten muss in meinen Tagebuch-Notizen geschnüffelt haben. So ordentlich lagen sie noch nie im Schrank! Beschloss, mich zu rächen. Klappte Jonathan auf. Bekam nur Fehlermeldungen zu Gesicht. Wusste doch gleich, dass er eine elektronische Fehlgeburt ist.
Mittwoch, 3. August:
(Daniel) Die »professionellen Arbeiter«, die die Arbeit in unserem ehemaligen square verrichten sollten, entpuppten sich als halbstarke Jungs, die sich mit dem Job ihr Taschengeld aufbesserten. Sei´s drum! Langweilig wird uns so oder so nicht.
 
(Carsten) Heute morgen kam Jossi, der Fotograf, auf mich zu und schenkte mir Bilder, die er von mir gemacht hat. Die Bilder gefallen mir. Es sind Schnappschüsse von mir bei der Arbeit und welche, bei denen ich einfach in die Kamera lächle. Völlig verschwitzt und dreckig, aber fröhlich. Keine Spur von glamorous oder sozialistisch. Dann bat er mich um meine email-Adresse, die ich ihm gerne gab. Ob er noch mehr Bilder von mir schießen will? Ich würde es verstehen.
Außerdem kamen Odeds Kollegen aus Tel Aviv vorbei und bewerteten unsere Arbeit. Hörte, dass da ganz schön mürrische Typen dabei sein sollen, denen es schwer fällt, zu loben. Umso erstaunlicher war es für unsere Direktoren Oded und Manfred, als deren erste Ausgrabung als gut organisiert und besonders sauber und somit als vorbildlich bezeichnet wurde. Ich kenne Odeds Kollegen ja nicht, aber er war abends in einer so guten Stimmung, dass er uns alle nach einem gemeinsamen Gottesdienst auf ein Getränk einlud.
 
(Daniel) Habe mich rasiert! Es ging ganz schnell! Bin ein völlig neuer Mensch. Carsten starrte mich an, als ich das Zimmer betrat: »Daniel - da bist du ja! 14 Tage hab ich dich nicht gesehen...«
Dr. ... sorgte für eine wahrhaft positive Überraschung. Am Abend machte er spontan beim Gummitwist-Spiel mit!
Feierten einen christlichen Gottesdienst in der Schottischen Kirche. Fast alle kamen mit! Omer las eine Passage aus dem TaNaK (der hebräischen »Bibel«) vor. Wollte meine Althebräisch-Kenntnisse demonstrieren - und las Amos. Zu dumm. Jacob Wright (Assistent in Heidelberg) hatte schon rumerzählt, dass ich diesen Part für die AT-Zwischenprüfung quasi auswendig gelernt hatte.
Donnerstag, 4. August:
(Carsten) Fingen heute vor dem Frühstück an, unsere area A zu schließen. Dazu mussten wir Sandsäcke von area B, die ganz zugeschüttet wird, zu uns bringen. Mit diesen wurde eine Art Staumauer gebaut. Eine Hälfte, die archäologisch uninteressant war, wurde ebenso wie area B wieder mit Erde aufgefüllt. Ging dann mit Chuck als Austauschstudent zu Shahafs area C2. Als Shahaf uns sah, sagte er, er hätte Nirit um zwei gute Arbeiter, und nicht um zwei Faulenzer gebeten. Das meint er sicher nicht so.
 
(Daniel) Sperrten unseren Sektor (C) sorgfältig ab. (An einigen Stellen geht es rund fünf Meter in die Tiefe. Bis zur nächsten season im August 2006 sollten möglichst wenige Touristen reinfallen.)
Anderen Grabungsabschnitten blühte ein weitaus grausameres Schicksal. Schnappte die Wortfetzen »area B« und »covered« auf. Rannte rasch zu meinen ehemaligen sqaures. Zu spät. Der Bagger hatte ganz Arbeit geleistet. Alles eben. Zu allem Überfluss hatten die Kollegen aus area A die Sandsäcke geklaut. Aber wie sagt schon Prediger 3: »Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit...«.
Murphys Gesetz gilt - auch in der Archäologie! Die letzte Stunde des letzten (richtigen) Grabungstages brachte einen (römischen?) Bleibehälter zu Tage. Sehr interessant!
 
(Carsten) Heute Abend war BBQ-Party. Der Kibbuz organisierte uns ein herrliches Abendessen mit gegrilltem Rindfleisch und Würstchen in unserem Grabungsgelände. Dazu die üblichen Zutaten, um sich Falafel-Sandwiches ohne Falafelbällchen zu machen. Saß bei Peter und hörte ihm zu, wie er Manfred Anregungen gab, wie man unsere erste Grabung so vermarkten könne, um das nächste Jahr zu finanzieren. Die Ideen, die er hatte, waren kreativ-überzogen, aber boten Raum für konkrete Anregungen. War fasziniert von seinen Gedanken, weil ich selbst genauso ticke. Die meisten meiner Ideen sind nicht spruchreif, aber dienen vielleicht jemand anderem zur Vorlage, um Konkretes zu erreichen. Peter verdient damit sogar sein Geld.
Freitag, 5. August:
(Daniel) Die ganzen drei Wochen keine Verletzungen - und ausgerechnet jetzt noch zwei heftige Kratzer. Höchste Zeit, dass wir abreisen! Das Grabungsgelände ist besenrein. Mal sehen, wie es im Sommer 2006 aussieht?!
 
(Carsten) Habe mit Shahaf und Chuck heute weitere Zäune gebaut, um die noch offenen Grabungsabschnitte zu verriegeln. Wow, war ich stolz, als ich sah, wie Shahaf den Auftrag zum Zaunbau bekam, sich umdrehte und Carsten rief, I need you!
 
(Daniel) Abschiedsstimmung! Die ersten Leute reisten schon am Mittag ab...
Mag keine Abschiede. Unternahm noch eine kleine Tour zum Ölberg. Obwohl Gethsemane geschlossen war, lag die Passionsgeschichte förmlich in der Luft. Unten beginnt die Via Dolorosa - der Kreuzweg Jesu, der dann an der Grabeskirche endete. (Fortsetzung nach drei Tagen.)
Von oben eine hervorragende Sicht. Über den ganzen Hang verteilt ein riesiger Friedhof. Juden aus aller Welt haben den großen Wunsch, hier begraben zu werden, wo (nach Joel 4 und Sacharja 14) das Jüngste Gericht stattfinden wird - mit Blick auf den heiligen Tempelberg.
Auch im Hotel war die Stimmung ruhig und nachdenklich. Dieser Sabbat ist der 9. Ar - der Tag zur Erinnerung an die Tempelzerstörung. Aus dem TaNaK werden deswegen überall die Klagelieder vorgelesen.
Erwischte Manfred mit einem Foto am Abendbrot-Tisch. Fragte, ob es seine Familie war - erkannte dann aber selbst das Grabungsteam aus unserer gemeinsamen area C. Seine »Alternativ-Familie«, wie er sich ausdrückte.
 
(Carsten) Nachdem die Areale alle gesichert, die Zelte darüber abgebaut und die Umgebung gereinigt worden war, hatten wir unser letztes gemeinsames Frühstück und durften anschließend zum Pool gehen. Ich blieb noch etwas bei den Supervisors und schaute ihnen beim »pottery reading« zu. War fasziniert von ihren Notizen und Dokumentationen, wie sie alle gewaschenen Scherben untersuchten und selektierten, was es wert war, aufgehoben zu werden und was nicht. Sie sprachen auf Hebräisch und ich verstand eine ganze Menge von dem, was da abging. Als zum Schluss nur noch Yuval und Liora da waren, bat mich Yuval, ihnen zu helfen. Ich reichte immer die neuen Körbe mit Scherben und leerte sie auf den Tisch vor uns, wenn die vorhergehende Runde verpackt worden war. Dann waren wir plötzlich fertig. Kai war auch völlig fertig, als er im gleichen Moment mit dem Messstab von area D kam, die er noch mal mit Benni, diesmal ohne Schatten, vermessen hatte. Er wirkte ziemlich benommen. Das kann an der Hitze gelegen haben, oder auch an der Erkenntnis, dass gerade diese Grabung zu Ende gegangen war und alle Leute, die noch eben so eng miteinander gearbeitet hatten, plötzlich nach Hause fuhren, für immer, und nicht nur für übers Wochenende. Komischer Gedanke.
Vor dem Hotel Abschiedsszenen. Die Truppe von Tel Aviv hatte das Büromaterial in ihre Autos geladen und war abmarschbereit. Habe gemerkt, wie schwer mir Abschiednehmen fällt. Wusste nicht, wo ich hingehen sollte... Setzte mich also in die Lobby, trank Orangensaft und las in meinem Narnia-Buch (Band 6), bis alle Abreisenden weg waren und mich passiert hatten.
Am Abend saßen die Heidelberger auf der Terrasse zusammen und ließen die letzten drei Wochen Revue passieren. Es herrschte eine seltsame Stimmung von Zufriedenheit, Müdigkeit, Entspannung, Heimweh und Abschiedsschmerz. Im Hintergrund hörten wir die Lieder der Sabbathfeierlichkeiten im Hotel. Bei einem Lied wäre ich fast aufgesprungen und hätte mitgetanzt, weil ich den Text nur zu gut auswendig kenne: »Baschana haba´a«, »Nächstes Jahr werden wir auf der Terasse sitzen und Zugvögel zählen. (...) Du wirst noch sehen, wie gut es sein wird nächstes Jahr.«
Samstag, 6. August:
(Daniel) Sitzen in unserem Shuttle nach Tel Aviv (halb Taxi, halb Bus). Schlafen geht nicht, weil...
  • ...meine Beine keinen Platz haben.
  • in der letzten Reihe eine angeregte (und entsprechend laute) Unterhaltung über Edom, Amman usw. ihren unvermeidlichen Lauf nimmt. Glücklicherweise nimmt Dr. ... einen anderen Flug. Hoffentlich bekomme ich keinen Fensterplatz. Würde mich nicht wundern, wenn er plötzlich auf den Tragflächen UNSERER Boeing auftauchen würde - wild gestikulierend über die Wasserleitungen der frühen Nabatäer referierend...
(Carsten) Die Sonne und die harte Arbeit haben an mir gearbeitet, der gesunde Schlafrhythmus und das koschere Essen sind ebenso wichtige Bestandteile einer guten Entwicklung, die sich bei mir auch schon rein optisch ausgezahlt hat. Kam im Flughafen, während ich in der Schlange vor dem Abfertigungsschalter für das Gepäck stand, schnell mit einer sympathischen jungen Frau ins Gespräch, die ihrerseits, gut aussehend, auch ein gewisses Interesse an mir bekundete. Ich erzählte ihr auf Englisch über unser Grabungsprojekt, die faszinierende Zeit, die ich in Israel verbracht habe, und was ich sonst noch so mache, wenn ich wieder in Deutschland bin. Tief beeindruckt war sie von der Tatsache, dass ich mein Gepäck, was ich hier abgeben wollte, selbst gepackt hatte und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen war. Muss zugeben, dass mich das nicht einmal verwunderte, nachdem ich für drei Wochen sogar jeden Tag mein Bett gemacht bekam, wie es in Israel wohl üblich sein muss. Als ich ihr das lustige Bild von mir in meinem Reisepass zeigte, nahm sie ihn in die Hand und verglich Bild und Vorlage aufs Genaueste, wobei auch sie herzlich schmunzeln musste über den frechen Bart, den ich auf diesem Photo trage. Anschließend zog sie aus ihrer Tasche mehrere Aufkleber, die sie beschriftete, auf meine Koffer und Taschen klebte, und meinte, ich könne jetzt weitergehen zur Röntgenmaschine.
Kein Wunder, dass Israel den besten Geheimdienst der Welt hat.
 
(Daniel) Nahmen uns ausführlich Zeit, den Flughafen Ben Gurion zu besichtigen. (Manche nennen es »Warteschlange«.) Eine junge, gutaussehende Mitarbeiterin interessierte sich brennend für uns. Wo wir gewesen seien? Wie lange? Warum? Ob uns jemand Geschenke oder Briefumschläge mitgegeben hätte? Mit Carsten muss sie noch persönlicher geworden sein.
Mein Koffer wirkte verdächtig. Musste ihn öffnen und alle Broschüren einzeln durchblättern. Dagegen konnte Manfred sogar seinen Videobeamer ungefragt durchschleusen. Hatte wahrscheinlich das sozialistische Arbeiterlächeln vergessen. Muss mit Carsten das »Glamorous«-Schauen üben.
 
(Carsten) Wollte meine letzten Schekel loswerden. Nachdem ich schon einen Kaffee getrunken und ein belegtes Brötchen gegessen hatte, schaute ich mich im Zeitschriftenladen nach etwas Interessantem um. Fand nichts in der richtigen Preisklasse. Als wir zu guter Letzt endlich zum Flieger aufbrachen, bot ich meine letzten Münzen einem ca. sechsjährigen Mädchen an, das natürlich nicht ohne Grund erschrocken zurückwich. Legte also die Münzen am Süßigkeiten-Kiosk vor ihr auf die Auslage und ging. Im Weggehen sah ich, als ich mich ein letztes Mal umdrehte, wie das Mädchen mit dem Finger im Mund auf die Münzen starrte und innerlich kämpfend vor ihnen zur Statue geworden war.
Konnte einen Fensterplatz und eine deutsche Zeitung ergattern. Fliegen ist schön...und die Pfalz auch. Ich komme wieder. (Dieser letzte Satz ist bewusst doppeldeutig!)
 
(Daniel) Sitzen im Flieger. Neben mir ein Mann, der seinen Platz getauscht hat. Fand eine Mutter mit zwei kleinen Kindern »schwierig«. Fügte hastig hinzu, er habe nichts gegen Kinder. Wäre es unhöflich, ihn nach eigenen Kindern zu fragen? Freue mich über das Babygeschrei zwei Reihen vor uns.
»EuroNews« berichtet über den bevorstehenden Gazastreifen-Abzug. Wir lassen ein Land zurück, dem die schwerste Bewährungsprobe seit mehreren Jahrzehnten bevorsteht. Die kommenden Ereignisse werden wir sicher mit anderen Augen verfolgen. Bin sehr dankbar, dort gewesen zu sein.
Carsten hat morgen Geburtstag. Muss mein Geschenk noch einpacken. Ich meine natürlich: »sein Geschenk«.
 
(Carsten) Hätte fast meinen Geburtstag morgen vergessen. So geht es mir immer. Zum Glück lese ich regelmäßig Daniels Tagebuch...
Wieso hält mich Daniel für einen Propheten?
 

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