Gott – oder falsche Pferde?
1. Januar 2011»Vorwärts! Im Galopp! Nicht so langsam!« Mit scharfen Rufen drischt der ägyptische Pharao auf seine Pferde ein. »Auf Rossen wollen wir dahinfliehen – den verdammten Sklaven nach! Auf Rennern wollen wir reiten – bis wir sie eingeholt haben. Diese dummen Israeliten! Sich mit dem göttlichen Pharao anzulegen… Die Quittung dafür sollen sie bekommen!«
Immer näher kommen die Ägypter den fliehenden Sklaven. Die schreien zuerst um Hilfe – und dann verstummen sie vor Angst. Was um Gottes willen soll jetzt noch möglich sein?
…immer wieder erzählte man sich in Israel diese berühmte Geschichte. Vor allem auf ihr Ende kam es an: All seine Pferde hatten dem »göttlichen« Pharao und seinen Soldaten nichts genutzt. Ihre Wünsche hatten sich erfüllt – aber anders als geplant. Ja, sie waren auf Rossen dahingeflohen – vor den Wassern des Meeres. Und so rasch, wie sie auf ihren Rennpferden geritten waren, hatten die verfolgenden Wellen sie überrannt. Sie selbst hatten die Quittung bekommen. Der einzige Gott Israels hatte tausenden Ägyptern den Unter-Gang beschert. Mit einer Handvoll normaler Menschen – Mose, Aaron, Miriam – hatte er eine Weltmacht in die Flucht geschlagen. Und Israel war befreit. Wie hatte es Mose dem Volk vorher angekündigt? »Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein« [Exodus 14,14].
Inzwischen schrieb man das 20. Jahr des israelitischen Königs Hiskia. Spätere Geschichtsschreiber würden einst vom Jahr »705 vor Christus« sprechen. Im Jerusalemer Königspalast traf man sich zu einer Sondersitzung. »Eilt«, hatte auf den Einladungsschreiben gestanden. Das war ungewöhnlich. Hiskia galt als umsichtiger, vorsichtiger Herrscher. Was war vorgefallen?
Hiskia kam rasch zur Sache. »Ihr kennt die fortwährende Bedrohung durch Assyrien, die Großmacht im Nordosten. Und die hohen Tributzahlungen, die wir zu entrichten haben. Bisher mussten wir das hinnehmen – und konnten nur abwarten.«
»…wodurch wir bisher weise regiert haben«, ergänzte Hiskias Sekretär.
Der König fuhr ungebremst fort. »…aber jetzt ist unsere Chance gekommen. Sargon, Assyriens König, dankt ab. Sein Sohn Sanherib besteigt den Thron. Die Feierlichkeiten werden Monate dauern!«
Im Saal hielt man den Atem an. Würde der König einen Gegenschlag riskieren? Völlig unmöglich…
Hiskia schien die Gedanken seiner Vertrauten zu erraten. »Ihr kennt unsere aktuellen Möglichkeiten. Gering sind die, äußerst gering. Wir sind ein winziges Land. Mit schlecht ausgerüsteten Truppen. Ja – unsere Truppen sind das Problem. Wenn die etwas schlagkräftiger wären. Wenn wir wenigstens Pferde hätten. Rennpferde! Rosse! So wie andere Nationen. So wie …«
Bedeutungsschwanger schwieg Hiskia. Die Blicke trafen sich. Auch ohne Worte ahnte jeder, worauf der Herrscher hinauswollte.
Schließlich ergriff ein junger Heerführer das Wort. »Natürlich! Das ist die Lösung! Auf der ganzen Welt ist Ägypten berühmt für seine Pferde. Jede Schlacht gewinnen sie damit. Wenn wir uns mit Ägypten verbünden, gegen Assyrien – dann kann uns nichts passieren.«
Nun war es ausgesprochen. Einen Moment lang zögerte man. Dann erhob sich zustimmendes Gemurmel. Eilig beglückwünschte man Hiskia zu seinem klugen Schachzug.
»Still!« In die allgemeine Glückseligkeit platzte der Ruf wie ein Donnerhall. Die Blicke durchbohrten einen älteren Mann, der plötzlich aufgetaucht war. Weise wirkte er – und vom Leben gezeichnet. Man kannte ihn. Jesaja war sein Name. Seit über 30 Jahren störte er den politischen Betrieb in der Hauptstadt.
Auch heute schwante Hiskias Männern nichts Gutes. Doch bevor sie eingreifen konnten, sprach Jesaja:
[…] [S]o spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein« (Jesaja 30,15a).
Der Protest brach umgehend los. »Umkehren und stille bleiben? Stille sein und hoffen? Was für eine Schnapsidee! Weißt du nicht, wie sehr wir unter Assyrien leiden?«
»Ich weiß es«, meinte Jesaja. »Aber kennt ihr nicht mehr die Geschichte, die ihr euren Kindern erzählt? Die vom Beginn unseres Volkes? Vom Auszug aus Ägypten? Nicht unsere Möglichkeiten waren es da, die dem Pharao seine Macht genommen haben. Ganz im Gegenteil. Unser Gott war es. Ihm ist nichts unmöglich! Bis heute kann man es sogar nachlesen: "Der Herr wird für euch streiten,
und ihr werdet stille sein." Und was ist mit dem Psalmvers, den ihr regelmäßig betet? "Sei stille dem Herrn und warte auf ihn" [Psalm 37,7a]. Das heißt doch: Gott vertrauen – und dabei Geduld haben. Nicht überstürzt auf die eigenen Kräfte setzen… Da haben wir ohnehin nicht viel zu bieten – als kleines Land, eingekeilt zwischen den Weltmächten…«
»…du hast es begriffen!«, unterbrach ihn ein General scharf. »[E]ingekeilt zwischen den Weltmächten«! Die alte Geschichte von einst – die hat doch mit heute nichts zu tun. Handeln müssen wir, wenn wir nicht zerrieben werden wollen. »Stille sein und hoffen« – wohin das geführt hat, haben wir doch vor zwanzig Jahren erlebt! Der große Norden unseres Landes wurde platt gemacht. Und von wem? Von den Assyrern! Denen wir jetzt Tribut zahlen dürfen…«
»…weil die Machthaber im Norden nur auf sich selbst vertraut haben! Um Gott und seine Gebote haben sie sich einen Dreck geschert. Sie selbst wollten ihr Schicksal bestimmen. Und das haben sie dann auch getan…«
Jesaja seufzte. »Wie viele meiner Propheten-Vorgänger hat man dort abgelehnt. Immer wieder haben Sie gepredigt: ‚Kehrt um! Kehrt um zu eurem Gott! Hofft auf ihn! Vertraut nicht auf eure vorschnellen Pläne!‘ Aber sie haben nicht gewollt…«
Wollt ihr heute auf mich hören? Noch einmal: »Wenn ihr umkehrt und stille bleibt, …« – Jesaja stockte, und traurig formulierte er noch einmal um –, »"[w]enn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen‘.«
…wieder unterbrach man den alten Jesaja. »Uns soll nicht geholfen werden! Was für eine altmodische Vorstellung! Wir kommen uns selbst zur Hilfe. ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.‘«
»Ihr wollt Gottes Hilfe also gar nicht…«, murmelte Jesaja. Dabei könntet ihr sie erfahren. Ohne sie euch mühsam zu erkämpfen. Sondern weil er sie euch schenkt. "[D]urch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein." Dann würde Gott euch von seiner Stärke abgeben.«
»Ach, hör’ uns endlich auf mit deinem Gott! Jetzt zählen andere Dinge! Pferde zum Beispiel! Ägyptische Pferde.« Begeistert riefen die Befehlshaber durcheinander – und steigerten sich gegenseitig in gekonnten Wortspielen. »Ganz genau – "auf Rossen wollen wir dahinfliehen"!« »"[U]nd auf Rennern wollen wir reiten"!« »In Ägypten steht das Tor zur Freiheit!«
»Was sagt ihr da?« Jesaja war kreidebleich geworden. »"In Ägypten steht das Tor zur Freiheit!"? Noch einmal: Habt ihr die Geschichte vergessen? Habt ihr eure Geschichte vergessen? Sklaven waren unsere Väter und Mütter in Ägypten – rechtlose Sklaven! Dem Pharao mussten sie dienen, einem vermeintlichen Gott. Frei wurde unser Volk, als es aus Ägypten befreit wurde! Erst seit damals gibt es den Sabbat – Gottes wöchentliche Ruhepause!«
Ganz still war es jetzt geworden. Jesaja hatte Recht – das wussten Hiskia und seine Leute. Der Sabbat – bis heute erinnerte er an Gottes Befreiung aus Ägypten. Dort hatte es keine Ruhepausen gegeben, schon gar nicht für die Sklaven. So mancher dachte insgeheim an seine Familie zu Hause. Am Sabbat war man frei, Zeit miteinander zu verbringen – und Zeit mit Gott. Es tat so gut, still zu werden. In Ruhe nachzudenken über dies und das…
»Und jetzt?« Mit ruhiger starker Stimme redete Jesaja weiter. »Jetzt wollt ihr euch den alten Sklaventreibern unterwerfen. Und dem "göttlichen" Pharao. Die von Gott geschenkte Freiheit herschenken. Euch in alte Abhängigkeiten begeben. Mit Ägypten verbünden. Auf seine Pferde vertrauen…«
»… und auf unsere eigenen!« Man schnitt Jesaja das Wort ab. Was Ägypten kann, können wir schon bald selbst! Hast du eben nicht zugehört? "[A]uf Rossen wollen wir dahinfliehen"!« »"[U]nd auf Rennern wollen wir reiten"!«
»Und was soll an einem göttlichen Pharao falsch sein?«, ergänzte jemand. »Schaden wird es ja wohl kaum!«
Unten öffnete sich knarrend das Tor. Ein Bote hastete hinaus, eilig Richtung Süden.
Oben im Saal vollendete Jesaja unter zunehmendem Protestgeschrei der Umstehenden seine Rede:
Aber ihr wollt nicht und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel
(Jesaja 30,15b-17).
Jesaja sollte Recht behalten. Weder die ägyptischen noch die eigenen Pferde retteten die Israeliten. Ihre Wünsche erfüllten sich – aber anders als geplant. Ja, sie flohen auf Rossen dahin – vor den Assyrern. Und so rasch, wie sie auf ihren Rennpferden geritten waren, überrannten sie die Verfolger. Israel setzte auf die falschen Pferde – und erhielt die Quittung. Keinen strafenden Gott brauchte Israel für sein Schicksal. Nein, im Gegenteil: Gott handelte nicht. Seine Hilfe blieb aus – genau so wie gewünscht.
Übrig blieben die Zeugnisse des Untergangs. Übrig blieben Darstellungen aus dem Palast des assyrischen Königs Sanherib, bis heute zu besichtigen im Britischen Museum in London. Auch die Israeliten kann man dort sehen – dahinfliehend und überrannt. »[W]ie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel« erinnern sie mahnend an die Warnung Jesajas.
Bis heute hören die Menschen beide Geschichten. Die von der Befreiung durch Gott. Und die vom Vertrauen auf falsche Pferde.
Bis heute erfahren Menschen die Hilfe Gottes. Merken: »Was bei […] [ihnen] unmöglich ist, das ist bei Gott möglich« [Lukas 18,27]. Nicht ihre Kraft und Kontrolle lässt ihr Leben gelingen – sondern ein treuer Gott. Ein Gott, der die Menschen davor bewahrt, alles im Griff haben zu müssen. Der den Menschen Ruhepausen gönnt – und genügend Zeit zum Nachdenken.
Und bis heute setzen Menschen auf falsche Pferde. Begeben sich in alte Abhängigkeiten. Nehmen sich die von Gott geschenkte Freiheit. Vertrauen auf vermeintliche Götter.
Da tut eine Schülerin alles für gute Noten. Lernt bis zum Umfallen. Und trampelt ohne großes Nachdenken auch den Sonntag dafür nieder.
Da erklimmt ein Mann die Karriereleiter, Sprosse um Sprosse, immer höher, immer rascher, immer schneller. Und reitet sich rein in die Erschöpfung.
Da erliegt eine Familie dem Versicherungs-Wahn. Meint, ihre Existenz ganz und gar absichern zu können. Und vergaloppiert sich in immer neuen Sorgen.
Da vertrauen ganze Nationen auf die Verheißung des unbegrenzten Wirtschaftswachstums, wollen ihren Wohlstand sichern. Und Großbanken gehen mit dem Geld durch.
Da entgehen Menschen der Stille des Jahreswechsels durch immer neue »gute Vorsätze«. Und lassen die Gelegenheit zu einer echten Umkehr davonpreschen.
Jesaja 30, Vers 15:
[…] [S]o spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.
Wollen wir?
Amen.
Predigt, gehalten am 31. Dezember 2010 in der Gartenstadtkirche Stuttgart-Untertürkheim, Luginsland.

3. Januar 2011 um 16.30 Uhr
Wow - erzählerisch und inhaltlich sehr gut! Gefällt mir sehr!
Justus!