Fragmentarischer Frieden?

11. Mai 2011

Frieden. Hebräisch: Schalom. Sogar durch theologisch-wissenschaftliche Vorlesungen waberte ein Hauch von Heiligkeit, wenn dieser Begriff fiel. Schalom – das ist weit mehr als Waffenstillstand, mehr als die Abwesenheit von Krieg. Der Ausdruck innigster Vollkommenheit, vollendeter Harmonie zwischen Gott und den Menschen.

Die Schattenseite: Diese Art Frieden scheint ganz weit weg zu sein. Die irdische Wirklichkeit sieht eben anders aus. Klar – als Christ bin ich vor allem Träumer, nicht Realist. Aber mein Verstand muss doch trotzdem irgendwie mit…

…und siehe da: Ich bin gar nicht allein mit meinen Bauchschmerzen. Ina Willi-Plein, Hamburger AT-Professorin, beklagt die Verwandlung des hebräischen Schalom in ein »romantisches Märchenwort«, einen »theologischen Gemeinplatz«. Ihr Vorschlag: Man könnte den Begriff wieder erden, wenn man weniger von einer starren Konzeption ausgeht als von einer dynamischen Beziehung.

Meine Überlegung: Gibt es da nicht diverse Bezüge zur klassischen Definition von Gesundheit durch die WHO? Gesundheit als »Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen« – auch das klingt erst mal stark. Nur ist dann leider, ganz nebenbei, gar niemand mehr gesund. Die Sache wird wesentlich gnädiger, realistischer, wenn man die harte Abstufung abmildert: Gibt es überhaupt klare Grenzen zwischen »Gesundheit« und »Krankheit«? Geht es nicht eher um ein komplexes »Mischungsverhältnis«? Hat nicht jeder »Kranke« auch »Gesundes« in sich (und umgekehrt)? (So der Grundtenor auch bei Manfred Lütz…)

…wieder auf das Ursprungsthema bezogen: Würde uns ein fragmentarischer Friedensbegriff weiterbringen? Der die Vision des göttlichen Schalom festhält – und den Frieden trotzdem auch in einer friedlosen Welt ausmachen kann? Oder ist das kleingläubiger Pragmatismus?

Auslöser der Gedankenkette war übrigens ein Vortrag letzte Woche zur Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation. Nächste Woche, am 17. Mai, startet sie in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston – zum Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Die Württembergische Landeskirche hat heute schon – übrigens wohl als einzige Kirche überhaupt! – eine Besuchsgruppe entsendet. Ich bin gespannt, was sich ergibt – zumal ich ja im Vorfeld ein ganz klein wenig mitgemischt habe

 

Ein Kommentar zu “Fragmentarischer Frieden?”

  1. Alex meint:

    Oder auch:

    „Gesundheit bezeichnet den Zustand eines Menschen, der nicht häufig genug untersucht wurde.“ (Dirk Maxeiner und Michael Miersch)

    Und was bedeutet das dann für den Frieden…?

    PS: Dass die Weltgesundheitsorganisation den Gesundheitsbegriff (und damit ihr Mandat) möglichst weit auslegt, verwundert mich nicht. Aber vielleicht bin ich zu sehr Realist :)

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