Falscher Fokus

16. Oktober 2010

Immer noch wird sie heiß diskutiert, die Feststellung des Bundespräsidenten am Tag der Deutschen Einheit. Gehört der Islam jetzt zu Deutschland – oder nicht? Hätte Christian Wulff besser von den Menschen muslimischen Glaubens geredet – oder verbietet sich die damit getroffene Unterscheidung per se?

Ich persönlich halte es eher mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider: Besagte Rede hat »nüchtern, sachlich und gelassen die deutsche Wirklichkeit« beschrieben – und es gibt auch keinen Grund, diese Realität irgendwie madig zu machen.

Warum?

  • Da wäre zunächst mal das Deutsche Grundgesetz, das – meiner Meinung nach in genialer Weise – grundsätzlich eine Trennung zwischen Staat und Religion festhält, um gleichzeitig den positiven gesellschaftlichen Wert von Religion anzuerkennen und zu nutzen. In einem religiös pluralen Staat (der ist Tatsache, nicht so sehr dagegen eine ausschließlich »christlich-jüdisch« ausgerichtete Verfassung) müssen dann logischerweise auch unterschiedliche Religionsgemeinschaften (und ja, auch agnostische Freidenkerverbände etc.) staatliche Unterstützung genießen – eine gewisse (u.a. zahlenmäßige) Relevanz vorausgesetzt.
  • Die fortwährend-penetrante Akklamation eines »christlichen Abendlandes« dagegen finde ich gerade aus christlicher Perspektive zunehmend unerträglich. Je lauter man in das entsprechende Horn stößt, desto treffender wird doch meist parallel diagnostiziert: Für die wenigsten Deutschen hat der christliche Glaube noch irgendeine wesentliche Relevanz im alltäglichen Leben. Was, wenn die Mehrheitsverhältnisse mal auch auf dem Papier kippen – und unsere Wurzeln vergessen sein – sollten? Müssen wir dann schleunigst die Argumente wechseln? Und, mal ehrlich: Hat uns die »Konstantinische Wende«, verkürzt: die Entstehung einer »christlichen Kultur«, letztlich arg viel gebracht? In humanistischer und missionstheologischer Hinsicht hätte ich mir lieber den durchgehenden fairen Wettbewerb gewünscht – im Vertrauen auf den Rat des Gamaliel (vgl. Apostelgeschichte 5,34-42) und im Bewusstsein eines Gottes, dessen Kraft sich oft in der Stille zeigt (vgl. 1. Könige 19,11-13), der aber durchaus auch mal selbst als selbstbewusster Marktschreier auftritt (vgl. Jesaja 55,1-3). Wovor haben wir Angst?
  • Zuletzt: Die eigentlichen Auseinandersetzungen wären vielleicht an ganz anderer Stelle zu führen. Während sich halb Deutschland über einen Satz des Bundespräsidenten mokiert, informiert »Open Doors« über die »Resolution gegen Diffamierung von Religionen«. Deren Verabschiedung in der UN-Generalversammlung hätte weit katastrophalere Folgen als die Kränkung des hiesigen Kulturprotestantismus. Hier kann man eine entsprechende Petition unterzeichnen.
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