Einzelfall?

17. Januar 2010

Sicher: Man muss vorsichtig sein mit Spekulationen. Welche Motive hinter dem tödlichen Anschlag auf koptische Christen Anfang Januar standen – und wer genau dafür verantwortlich war –, wird genau zu klären sein.

Das Gespräch mit unserem Flughafen-Taxichauffeur letzten Sommer hat mich allerdings hellhörig gemacht. Und auch der Quelle des folgenden Pressetextes, der Evangelischen Ausländerseelsorge e.V. und ihrem Leiter Pfarrer Hanna Josua, schenke ich Vertrauen:

[…] dass die tatsächlichen Vorgänge und die Situation in Ägypten bekannt wird.

Von Seiten des Koordinationsrates der Muslime KRM kam zwar umgehend eine Verurteilung der Anschläge, die die religiöse Komponente jedoch in Abrede stellte und es als (möglicherweise verständliche?) Racheaktion auf eine angebliche Vergewaltigung eines muslimischen Mädchens relativierte. Nicht erwähnt wurde, dass es zeitnah vor 2 Monaten bereits Ausschreitungen gegeben hatte, die den Christen der Region ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage entzog durch Zerstörung von 80% aller christlichen Geschäfte.

Bischof Kyrillus von Nag Hammadi, einem Ort mit einzigartiger christlicher Vergangenheit, dem »ägyptischen Qumran«, trat damals für die Rechte der Christen ein. Als Reaktion darauf erhielt er Drohungen, in diesem Jahr nicht Weihnachten zu feiern. Er ließ sich nicht einschüchtern und zelebrierte zum orthodoxen Christfest die Messe. Als die Attentäter seiner nicht habhaft werden konnten, schossen sie wahllos auf die Jugendlichen vor der Kirche.

Die Unruhen in Nag Hammadi sind nicht mehr als bedauerlicher Einzelfall zu sehen. Dieses Weihnachten war das dunkelste seit Jahrzehnten; seit Mitte Dezember sind täglich Anschläge auf Kirchen und Christen zu verzeichnen, sowie Drohungen, auf Weihnachtsfeiern zu verzichten (Ägypten, Irak, Iran, Algerien, Indonesien, Pakistan; in Malaysia sollen Christen auf den schon in vorislamischer Zeit gebräuchlichen Gottesnamen verzichten).

Von unseren Freunden und Partnern in Ägypten hören wir, dass die Kirchen dort voll sind mit trauernden und vor Angst gelähmten Gläubigen. Die Geistlichen rufen zu Vergebung und Frieden auf, Papst Shenouda III. hat ein dreitägiges Fasten und Beten ausgerufen. Intellektuelle und liberale Muslime in Ägypten fordern von ihrem Staat, gleiche Menschenrechte für alle Bürger zu garantieren.

 

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