Eintrittskarten-Evangelium

18. Mai 2011

Wenn das Evangelium auf die Frage verkürzt wird, ob jemand »in den Himmel kommt« oder nicht, dann reduziert das die gute Nachricht auf eine Eintrittskarte, auf eine Möglichkeit, den Türsteher zu umgehen und in den Klub zu gelangen.
Die gute Nachricht ist besser als das.

[...]
Wenn das Evangelium vor allem als Zugangsberechtigung verstanden wird statt bereits als fröhliche Teilnahme am Fest, kann es geradezu das Gegenteil dessen bewirken, was es bewirken will: Es verstellt dann Menschen den Zugang zu der explosiven, befreienden Erfahrung eines Gottes, der sich in einem nie endenden Kreislauf von Freude und Kreativität selbst verschenkt.

[...]

Jesus beruft Jünger – damals und heute noch – dazu, immer wieder in dieses miteinander geteilte Leben in Frieden und Freude einzutreten. Und unterwegs in diesem Leben wird unser Herz umgestaltet, bis es für uns völlig natürlich wird, entsprechend zu leben und wir uns gar nichts anderes mehr vorstellen können. Bis es uns zur zweiten Natur geworden ist. Bis wir ganz natürlich die Haltungen verkörpern und die Verhaltensweisen praktizieren, die auch im kommenden Zeitalter Bestand haben. Eine Diskussion darüber, wie man »bloß in den Himmel kommt«, hat keinen Platz im Leben eines Jüngers Jesu, weil sie völlig am Eigentlichen vorbeigeht.

Dieses Eintrittskarten-Verständnis von Evangelium bringt kaum gute Kunst hervor. Oder neue Errungenschaften. Auch nicht eine ganze Anzahl anderer Dinge. Es ist ein billiges Weltbild, weil es ein billiges Gottesbild ist. Es erwächst aus einer verkrüppelten Vorstellungskraft.

…ein kleiner Appetizer aus Rob Bells neuem neu ins Deutsche übersetztem Buch »Das letzte Wort hat die Liebe«. Zu dem ich demnächst noch ausführlicher blogge… (Die Bezüge zu Brian McLarens »A New Kind of Christian« werden einstweilen schon deutlich: Geht es beim Glauben darum, seinen »Hintern in den Himmel zu kriegen«? Oder vielleicht um viel, viel mehr?)

 

8 Kommentare zu “Eintrittskarten-Evangelium”

  1. Johannes meint:

    Hm, klingt spannend. Vielleicht muss ich es doch mal lesen. ;-) Freu mich auf jeden Fall auf weitere Hinweise und vielleicht auch eine Aufnahme der Kritik, wie man sie etwa auf Ron Kubschs Blog findet:

    http://www.theoblog.de/die-liebe-siegt-eine-buchbesprechung-uber-»love-wins«-von-rob-bell/11676/
    http://www.theoblog.de/gott-ist-immer-noch-heilig/11736/
    http://www.theoblog.de/das-letzte-wort-hat-die-liebe/11913/
    http://www.theoblog.de/sanfte-umdeutung-des-evangeliums/12302/

  2. birgit meint:

    Recht hat er, der Herr Bell!

  3. Daniel meint:

    @ Johannes: Von morgen bis Samstag haben wir ja ordentlich Zeit zum Diskutieren. :-) Auch darauf freu ich mich.

  4. Oliver meint:

    Gute Gedanken! Musste assoziativ und spontan an einen Text denken, den ich kürzlich gelesen habe: “…in jedem Fall wird der Glaube nicht als Voraussetzung und Vorbedingung – als conditio – verstanden, die der Mensch von sich aus zu erfüllen hätte, um anschließend dafür das Heil zu erlangen. Vielmehr wird der Glaube als die Art und Weise – als modus – verstanden, in der Gott dem Menschen schon gegenwärtig Anteil an seiner Gerechtigkeit und seinem Heil gibt. Der Mensch muss nicht zuerst glauben, damit Gott ihm infolgedessen Heilung und Leben schenkt, sondern indem der Mensch glaubt, hat er bereits das Heil und das Leben. Der Glaube selbst ist schon Geschenk, denn er ist die gegenwärtige Gestalt der Gottesbeziehung. Der Glaube ist gerade nicht die vom Menschen zu erfüllende Vorbedingung und Kondition, sondern die Gestalt der gegenwärtigen Heilserfahrung … Wenn wir den Glauben als vertrauensvolle Beziehung verstehen, die Christus selbst in uns hervorruft und weckt, ist klar, dass uns dieser Glaube heilt und rettet. Als Geschöpfe sind wir zur Beziehung mit Gott als unserem Schöpfer geschaffen, und wir werden darin heil und ganz, dass Christus in uns diese Vertrauensbeziehnung neu begründet und hervorruft. Nur wenn der Glaube tatsächlich als von Gott selbst geschenkt und das menschliche Vertrauen zu ihm als durch sein Wort und seinen Zusspruch erweckt und hervorgerufen verstanden wird, ist es auch möglich, Zuversicht und Gewissheit im Glauben zu gewinnen… Insofern die Gewissheit nicht im “Ergriffensein” und “Gehaltenwerden” gründet (Phil 3,12), nicht im “Erkennen”, sondern im “Erkannt-Sein” (1.Kor8,3; 13,12; Gal4,9), ist der Unterschied zwischen einer berechtigten “Gewissheit” und einer unberechtigten “Sciherheit” klar zu bestimmen: Es geht um den Gegensatz von in Gottes Zuspruch begründeter “Christusgewisseheit” und in Überheblichkeit gründender “Selbstsicherheit”. (H.-J. Eckstein, Gesund im Glauben, Holzgerlingen 2011, 33f.).

  5. Daniel meint:

    Du bist wahrhaft Tübinger, Olli! Wenn du auch die neuesten Eckstein-Bücher liest. :-) Stimmt – das passt gedanklich gut. Auch die lutherische Unterscheidung zwischen »Gewissheit« (certitudo) und »securitas« (Sicherheit). Ich überlege gerade, wie eine Party so ablaufen würde, wenn sich alle die ganze Zeit darüber unterhalten würden, ob sie überhaupt sicher mit dabei sein dürfen oder ob sie doch wieder rausfliegen…

  6. birgit meint:

    :)
    Naja, so laufen ja manche christlichen Parties, ähm, Leben ab. Oder warum sonst gibt es in der Kirche so ungeheuer viel Angst, etwas falsch zu machen, zu kurz zu kommen, sich lächerlich zu machen etc. etc.? Weils mit dem “Vertrauen ins Leben”, wie ich den Glauben gern nennen mag, nicht weit her ist.
    Post-Schreiberin inklusive leider :(

  7. Daniel meint:

    Ich ahne, was du meinst mit »Vertrauen ins Leben«. Die Formulierung ist aber missverständlich, finde ich. Das Leben an sich ist mir zu ambivalent – mit seinen Schicksalsschlägen, Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten, … Das alles gehört halt auch dazu. Das klassische »Vertrauen in Gott« finde ich da passender – wenn das Gottes Liebe zum Leben mit einschließt, die auch das Unbegreifliche umfasst. Vielleicht ist das wie mit der Jüngel-Pannenberg-Debatte: Gott offenbart sich in der Geschichte. Aber deswegen ist die – an sich ambivalente – Geschichte noch nicht an sich Gottes Offenbarung…

  8. Marc meint:

    Welch wahre Worte.
    Hört sich interessant an. Denke das Buch werde ich mal lesen;-)

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