Ein Gott der Vergeltung?

1. Juni 2008

»Herr, du Gott der Vergeltung, du Gott der Vergeltung, erscheine!« (Psalm 94,1)

Bibelverse dieser Art – es gibt noch einige mehr… – wirken nicht gerade prädestiniert, den Ruf des Alten Testaments wesentlich zu verbessern. Auch innerhalb der Kirche regt sich Widerstand. Sollte man solche archaisch anmutenden Zeugnisse der Gewaltverherrlichung nicht schleunigst verabschieden?!

Eins vorweg: Alle Schritte, die den genannten Texten letztlich ihre Anstößigkeit nehmen, berauben sie meiner Ansicht nach auch ihrer irritierenden Kraft. Wenn die Bibel nur noch das zum Ausdruck bringen darf, was uns sowieso in den Kram passt, kann man sie auch ignorieren. Und trotzdem: Die Vorstellung von der göttlichen »Vergeltung« hat eine Rehabilitierung verdient. Davon ausgehend, können dann speziell im Blick auf die sogenannten »Rachepsalmen«, »Fluchpsalmen«, »Feindpsalmen« bzw. »Gerechtigkeitspsalmen« (zu dieser Gruppe gehört auch Psalm 94) noch weitere Aspekte in den Blick genommen werden.

Die ältere Forschung war überzeugt, dass die Vorstellung einer göttlichen »Vergeltung« so was wie einen Cantus firmus im Alten Testament darstelle: »Die israelitische Religion hat den V.[ergeltungs]glauben von Anfang an besessen« (Hermann Gunkel).

In einem bahnbrechenden Aufsatz hat Klaus Koch diese Vorstellung eines alttestamentlichen »Vergeltungsdogmas« 1955 scharf kritisiert. Dabei hatte er eine ganz bestimmte inhaltliche Vorstellung vor Augen, die er eng mit dem Begriff »Vergeltung« verknüpft sah: die »abendländische« Idee einer »hoch oben« thronenden Richterinstanz, die nur gelegentlich in das Weltgeschehen eingreift und einigermaßen willkürlich Lohn und Strafe zuteilt. Das Schicksal eines Menschen hat dabei relativ wenig mit seinem Wesen zu tun.

Wesentlicher Hintergrund für Kochs These waren Aufsätze der beiden Skandinavier Johannes Pedersen und Karl Hjalmar Fahlgren. Die hatten rausgefunden, dass im Hebräischen zahlreiche Begriffe nicht nur das Tun einer Person bezeichnen, sondern zugleich auch das Ergehen. So handelt z.B. ein Mensch »gerecht« – und er ist dann auch »gerecht«. Koch entwickelte daraus die Idee eines strikten »Tun-Ergehen-Zusammenhangs«: Eine Tat legt sich nach hebräischem Verständnis wie eine materiale Hülle um das Haupt ihres Täters und bestimme sein Schicksal. Man könnte von einer Art »schicksalwirkenden Tatsphäre« sprechen. Diese Vorstellung weist Koch in allen alttestamentlichen Textgruppen nach (klassisches Beispiel in den Sprüchen ist die gegrabene Grube, in die man selbst hineinfällt, vgl. Sprüche 26,27). Selbst dort, wo ein strikter Tun-Ergehen-Zusammenhang in die Kritik gerät – konkret lässt sich das für die weisheitlichen Bücher Hiob und Kohelet konstatieren –, wird die skizzierte Vorstellung eben gerade vorausgesetzt und nicht aufgegeben.

Gleichzeitig ging Koch verschiedenen hebräischen Verben auf den Grund, die gewöhnlich mit »vergelten« übersetzt werden, genau genommen aber mit»zurückbringen« (schub hi.), »vollständig machen« (schlm pi.) bzw. »genau prüfen« (pqd) wiedergegeben werden müssten: Gott wacht über den Tun-Ergehen-Zusammenhang. Wo er eingreift, sorgt er dafür, dass das Geschick eines Menschen durch seine Taten bestimmt wird.

Dann aber – und das ist die entscheidende Pointe – hat das Schicksal eines Menschen sehr wohl mit seinem Wesen zu tun, genauer gesagt: mit der Tat, die sein Wesen bestimmt. Zugleich wird die transzendent-thronende Position Gottes aufgegeben. Vielmehr ist Gott in das Weltgeschehen involviert, an dem er dauerhaft und aktiv teilnimmt.

Weite Teile der heutigen alttestamentlichen Forschung haben sich Koch angeschlossen. Das gilt grundsätzlich auch für diejenigen Theologen, die das Konzept des »Tun-Ergehen-Zusammenhangs« modifiziert haben. Bernd Janowski z.B. weist auf die Bedeutung der sozialen Interaktion hin: Entscheidend sei das Prinzip der »konnektiven Gerechtigkeit« (Jan Assmann): Für einen Täter werde gesellschaftlich gehandelt – positiv wie negativ. Außerdem sei die Bedeutung der göttlichen Intervention stärker zu betonen. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang sei eben kein »Automatismus« – und Gottes Eingreifen gehe über einen bloßen »Hebammendienst« (so Koch) hinaus.

Janowski spricht sich letztlich dafür aus, den Begriff der »Vergeltung« beizubehalten. Damit sei per se noch nichts Negatives gemeint, wie z.B. die umgangssprachliche Wendung »Vergelt’s Gott!« zeige.

…an dieser Stelle könnte übrigens auch die Kritik an Koch ansetzen: Es ist nämlich durchaus denkbar, dass die ältere Forschung – über Pedersen und Fahlgren hinaus! – mit dem Begriff der »Vergeltung« gar nicht das meinte, was Koch ihnen dann inhaltlich vorwarf – zumindest nicht ausschließlich. Koch selbst weist z.B. darauf hin, dass Walther Eichrodt durchaus von einem »Tun-Ergehen-Zusammenhang« spricht – wertet aber die Tatsache, dass Eichrodt im selben Kontext von »Vergeltung« spricht, als Inkonsequenz. Na ja…

Ob unvermittelt-transzendent oder integriert-immanent: Festzuhalten bleibt, dass die biblischen Texte von einem Gott sprechen, dem menschliche Taten nicht egal sind – und der uns Verantwortung zuschreibt. Könnte gut sein, dass das die eigentliche Provokation ist. Und dieses Ärgernis wird sich kaum beseitigen lassen…

 

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