Dazwischen

7. April 2012

Ach, liebe Gemeinde, der Karsamstag. Wie haben wir Christen doch diesen Tag vertan, indem wir gleich zur Tagesordnung nach dem Karfreitag übergehen! Wie wir doch sicher sind, so sehr sicher, dass auf Karfreitag der Ostermorgen folgt! Aber keiner von uns wird Ostern verstehen, der den Karsamstag übertönt und überspielt. Keiner wird auferweckt, der nicht im Grabe lag. Niemand wird getröstet, der nicht trostlos meinte, es sei alles aus. Niemand wird die Freude des Wiedersehens tief, tief, aufjauchzend klar erleben können, der nicht gemeint hat: dieser Abschied sei für immer!

Die erschrockene Stille, die ratlose Stille, die trostlose Stille muß sein, liebe Gemeinde, damit wir begreifen: Es ist aus! Mit ihm, dem Jesus. Vorbei. Das Grab ist da. Wär’ er nicht erstanden, so wär’ die Welt vergangen – dies muß in uns zittern noch am Ostermorgen. Da wir dann hören wollen und werden: wie er sein Versprechen erfüllt: Ich will euch wiedersehen. Aber zuvor: Und auch ihr habt nun Traurigkeit!

Ach, wie wir uns doch angepaßt haben an den lauten Lauf der Welt nach dem Sterben der Liebe. Aber vielleicht tun wir es ja immer, weil wir es tun müssen, uns immer wieder hineinordnen in den Gang der Welt?

Da wird einer ins Grab gesenkt – und drum herum brummen die Autos und knarren die Traktoren und singen die Vögel und reden die Leute, wenn sie vom Grab weggehen, schon wieder den Alltag beredend und denken: es geht alles seinen Gang, unabänderlich, scheinbar schicksalhaft, wer will’s ändern, wer kann’s ändern? Jetzt der, dann die, dann mal ich auch.

Und wie das dann stille wird um die Trauernden, die da am Grab stehen, hinschauen auf den Sarg und auf die Erde auf den Blumen. Und weinen. Und auch gehen.

Und dann kommt der Totengräber. Der arbeitete früher ganz schweigsam. Schaufel um Schaufel wird das Grab aufgefüllt, damit auch bei unsren Lieben gilt: Erde zu Erde. Der Lauf der Welt. Der nun auch den Jesus überrollt, überholt hat. Wer im Grabe liegt, ist vom Lauf der Welt überholt. Der Lauf ist blind, geschwätzig, kommt mit Getöse und mit schweren Schritten und mit leichtfertigem Belachen daher. Und die Stille…

Liebe Schwestern und Brüder, aber dann ist im Grabesgarten eine andere Ruhe noch vorhanden, die göttliche Schöpferruhe, Sabbathruhe: Und ruhte am siebten Tag von allen seinen Werken.

Es ist dann noch eine andere Stille, die für uns hörbar wird. Eine nach dem Todesorkan und vor dem Machtwort des Neuschöpfers. In der Stille arbeitet die Ruhe des Schöpfers. In der bereitet er sein neues, fremdes, ganz und gar unausdenkbar heilvolles Werk vor. Es ist nicht das unheilvolle Schweigen dessen, der auf Rache sinnt, keine blutigere Antwort auf das Blut dessen, der zum Himmel schrie. Es ist die Stille dessen, der auf ganz unerhörte Weise nun reden wird, dem Tode das Wort abschneidet und es dem Sohn geben wird, dem allein, der sich alles, auch das Wort nehmen ließ, damit er das letzte Wort behalte, das Wort unvordenklicher, unauslotbarer, ungeahnter Liebe.

Gegen dies verlorene Schweigen der enttäuschten Hoffnung, gegen diese Stille der trostlosen Nichtigkeit, in dies Schweigen des sprachlos gemachten Menschen, in dies unaufhörliche Nagen der Todeszähne am Leben, dieser lautlos aber mächtig in uns nagende Zweifel in unserer Karsamstagswelt: Sollte Gott gesagt haben? Sollte es wahr sein: Ich will euch wiedersehen? Sollen wir uns nicht auf alle Fälle vorbereiten, aber nicht auf diesen einen, dem wir nicht so recht glauben: Ich will euch wiedersehen?

Da, zwischen dem Karfreitag, dem letzten Tag der alten Welt, und dem Ostersonntag, dem ersten Tag der neuen Welt, da liegt der zweite Tag: in dem leben wir.

… aus einer Predigt von Rudolf Landau, erstmals veröffentlicht in der maschinenschriftlichen Festschrift »Perstet amicitiae semper venerabile faedus!« an Lothar Steiger und neu abgedruckt in »Predigt im Gespräch« Nr. 110, November 2011.

 

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