Anschauliche Geschichte

2. November 2010

Wie um alles in der Welt lernt man auf eine Klausur mit dem schnuckelig-übersichtlichen Oberthema »Systematische Theologie«?

Ich versuche es erst gar nicht. Grob (!) auffrischen heißt die Devise. Und: die geforderte sprachliche Ausdrucksfähigkeit zurückgewinnen.

Bei beidem hilft mir der Tipp eines Kollegen – und der (mir bis dahin völlig unbekannte) »Grundkurs Dogmatik« von Gunda Schneider-Flume. Der inzwischen emeritierten Leipziger Systematikerin gelingt auf weniger als 400 Seiten Fließtext ein Meisterstück: Der Stil ist verständlich, wissenschaftlich exakt und poetisch zugleich, stellenweise be-geist-ernd. Die gängigsten Positionen werden kompakt präsentiert – und differenziert bewertet. Die Argumentationsweise nimmt einen gut mit – ermöglicht aber stets auch Abgrenzung.

Und, vor allem: Der programmatische Untertitel – »Nachdenken über Gottes Geschichte« (noch konsequenter hätte es mit Barth auch heißen können: »Gottes Geschichte [Dativobjekt!] nach-denken«) – mündet in eine Vielzahl anschaulicher (fast schon predigttauglicher) Formulierungen:

  • »Menschen [können] Gott nicht denken außerhalb der Geschichten, in denen er sich ereignet«.
  • »[D]ie perspektivische Einheit der biblischen Aussagen [liegt] in der Geschichte Gottes«.
  • »Glauben [...] [ist] das Verwickeltsein in Gottes Geschichte«.
  • »Leben in der Geschichte mit Gott heißt Gott und die ganze Welt in sich beherbergen. Das aber hat man nicht aus sich selbst oder aus dem Leben "an sich", sondern aus der erzählten Geschichte Gottes, in der man leben kann. Der Glaube lebt von der erzählten Geschichte und in der erzählten Geschichte, die das Leben aus Eindimensionalität befreit.«
  • »Gegenwärtig ist Jesus Christus da, wo seine in den biblischen Texten bezeugte Geschichte erzählt wird und sich als befreiende, orientierende, Welt verändernde Lebensgeschichte erschließt.«
  • »So wie ein Mensch in allem, was er ist und tut, von dem Beziehungsgeflecht der Geschichten bestimmt ist, die ihn tragen und auf ihn wirken, wirkt auch all sein Entscheiden und Tun in dieses Beziehungsgeflecht hinein. Im Kontext von Geschichten wirkt auch Gottes Geschichte, die Leben schafft, trägt, erhält, richtet und unterbricht. Im Schutzraum dieser Geschichte, durch die Gott ihn anredet, ist der Mensch Person, bevor er etwas aus sich macht und verwirklicht.«
  • »Kirche ist die Erzählgemeinschaft der Geschichte Gottes, die Gemeinschaft derer, denen die Geschichte Gottes erzählt wird, denen sich die Geschichte Gottes als befreiende Lebensgeschichte bewahrheitet und die die Geschichte Gottes als befreiendes Lebensangebot weitererzählen.«
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    4 Kommentare zu “Anschauliche Geschichte”

    1. Markus meint:

      da freut sich der Kollege, wenn er weiterhelfen konnte :-)
      Wirklich schönes, gutes Buch!

    2. Alex meint:

      Und der Leser hat mitgelernt.

    3. Martin meint:

      Wow, das klingt ja vielversprechend. Mit den Zitaten kann ich voll mitgehen. Das Thema Geschichte/Geschichten ist ja Teil meiner MA-Thesis. Deshalb danke dir für den Post mit dem Hinweis auf die Literatur

    4. Der theologische Zugang über Geschichten « Martin Preisendanz meint:

      [...] Weiter empfehle ich auch noch den Post von Daniel zu “Anschauliche Geschichte.” [...]

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