18.50 Uhr in Deutschland…

15. Dezember 2009

Sie mag mitunter einseitig berichten…aber ich schätze sie dennoch – die Bahn-Zeitschrift »mobil«. Der November-Ausgabe verdanke ich eine kompakte Reportage über ein Jubiläum der besonderen Art: Vor 50 Jahren nahm das Sandmännchen seine Arbeit auf!

Wie die Sendung zu Stande kam – in West- und Ostdeutschland! –, erinnert verdächtig an den späteren legendären Wettlauf um die Fahrt zum Mond:

[Im Osten] wurde die Figur im November 1959 aus der Taufe gehoben – in einer Nacht- und Nebelaktion. Der Deutsche Fernsehfunk [DFF] der DDR hatte damals vom Plan des Senders Freies Berlin [SFB] im Westen der Stadt erfahren, im Dezember ein neues, allabendliches Fernsehformat einzuführen: das Sandmännchen. Die avisierte [sic!] Sendezeit um 18.55 Uhr ließ vermuten, dass der Westsender in den aus beiden Richtungen bespielten Sendegebieten den beliebten »Abendgruß«-Kinderfilmen des DFF die Zuschauer abspenstig machen wollte.
So wurde die Idee kurzerhand geklaut, innerhalb von kürzester Zeit parallel entwickelt und als Rahmenhandlung um den »Abendgruß« gelegt. Gerhard Behrendt [1929–2006], damals künstlerischer Leiter des Puppenstudios beim DFF, erhielt Anfang November den Auftrag, schnellstmöglich einen Sandmännchen-Puppentrickfilm zu produzieren. So schildert es der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des DFF, Volker Petzold, in seinem Jubiläumsbuch Das Sandmännchen […]. Behrendt musste bei null anfangen. Weder für die Gestalt des Sandmanns noch für die Geschichte gab es ein Konzept. Das entwickelte er nun selbst. Ein »zeitloses Fabelwesen« wollte er bauen. So erhielt der Sandmann sein glattes Gesicht mit dem weißen Spitzbärtchen.
Auch bei dem Komponisten Wolfgang Richter [1928–2004] hatte sich der DFF gemeldet: »Ich bekam eines Abends, weiß nicht, ob’s um sieben oder acht war, einen Anruf von einer Redakteurin vom Fernsehen, die mich fragte, ob ich bis morgen früh ein Lied machen könnte«, erinnerte er sich 1993 an den Eilauftrag. »Ich sagte, ja im Prinzip wäre das schon möglich, aber es hängt natürlich auch von einigen Bedingungen ab. Erstens mal müsste ich einen Text haben …«
Der immerhin existierte schon: »Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit! Wir sehen erst den Abendgruß, eh’ jedes Kind ins Bettchen muss, du hast gewiss noch Zeit.« Diese Verse hatte der Kinderbuchautor Walter Krumbach [1917–1985], der wenige Tage zuvor auf ähnliche Weise angesprochen worden war, auf die Schnelle gedichtet.
So erschien am 22. November 1959 – eine Woche vor dem West-Sandmännchen – der DDR-Sandmann erstmals im Fernsehen.

Auch 1989 sollte der Ost-Sandmann seinem Kollegen voraus sein. Er übernahm nach der Wende das Kommando, samt seiner Musik. Und meine Frau – damals genau im richtigen Sandmännchen-Alter – berichtet mir, dass sie »schon etwas verwirrt gewesen sei«… ;-) Mir kommt das Konterfei des West-Sandmännchens immerhin noch ein wenig vertraut vor…

 

Ein Kommentar zu “18.50 Uhr in Deutschland…”

  1. martin meint:

    …ich kenne nur den Ost-Sandmann. Den guten, am Fortschritt dran seienden, der mit Raketen, Elektrolokomotiven und Autos in die Plattenbausiedlung von Puppenmenschen kam. Pünktlich wie der Sandmann. Die SFB (Sender FEingemauertes Berlin) - Alternative war auch nett.

Deine Meinung?!