»Mut zur Macht«

8. Dezember 2009

Wie neulich in einem Kommentar angedeutet – ein lohnender (und nur mäßig langer) Artikel meines Ausbildungspfarrers Reinhard Mayr mit dem wunderschönen (weil provokanten) Titel: »Mut zur Macht«.

»Das ist gewisslich wahr: Wenn jemand das Amt eines Aufsehers (eines Leiters, ein “Bischofsamt”) begehrt, der begehrt eine hohe (wörtlich: “schöne”) Aufgabe.« 1. Timotheusbrief, Kapitel 3, Vers 1.
Ein Bibelwort, liebe Leserin, lieber Leser, das uns Mut macht, ein Leitungsamt in unserer Kirche bewusst und gern zu übernehmen. Leitungsämter – haupt- oder ehrenamtlich – gilt es in unserer Kirche, in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen häufig zu besetzen: Da werden Kirchengemeinderäte gesucht und Mitglieder von Synoden, ein Seniorenheim sucht eine neue Stationsleitung, eine anderes eine neue Direktorin, ein kirchlicher oder diakonischer Verein sucht eine(n) Vorsitzende(n). Gesucht werden Leute, die “vorne” stehen, ein Mehr an Verantwortung übernehmen und einen Bereich mitgestalten und prägen. Dazu macht unser Bibelwort ausdrücklich Mut.
Im 3. Kapitel des 1. Timotheusbriefes geht es um Leitungsämter in der Kirche, und es ist bei den damals noch sehr fließenden Aufgaben und Amtsstrukturen problematisch, wenn man die heutigen Amtsbezeichnungen wie Bischof oder Diakon in diesen Text einfach überträgt. Es geht um verschiedene Leitungsämter in den jungen Gemeinden, auch um die charakterlichen Voraussetzungen für ein Leitungsamt, die in den folgenden Versen genannt sind: Man soll für so ein Amt nüchtern und maßvoll sein, kein Säufer, nicht streitsüchtig oder geldgierig und auch nur mit einem Partner/Partnerin zusammen leben. Aber über all dem steht diese ganz wunderbare und erstaunliche Überschrift und Zusage: Wenn jemand das Amt eines Aufsehers begehrt, der begehrt eine schöne Aufgabe.
Das Wort “schön” ist in solch einem Zusammenhang auffällig! Ein Leitungsamt, das ist nach Gottes Wort etwas Schönes, „kalos“, wie es im Griechischen heißt. Fast etwas Lustvolles schwingt da mit. In der Leitung, in der Verantwortung liegt etwas, das uns Freude machen darf, das wir gerne ausüben sollen – bei aller Last, bei aller Bürde und bei allem Frust, die solche Ämter garantiert auch mit sich bringen. Zuallererst gönnt Gott den Leitenden, den Verantwortungsträgern seiner Kirche aber ein schönes Amt.
Was ist es, das in einem solchen Leitungsamt Freude, ja Spaß machen darf, was da so schön, so “kalos« ist? Ganz gewiss, dass andere mir etwas zutrauen und mich angefragt haben: bei einer Kirchengemeinderatswahl zu kandidieren, mich als Direktorin bei einer Einrichtung zu bewerben. Kandidieren und bewerben muss ich mich freilich selber. Man darf sich nicht nur drängen oder vorschieben lassen! Ehrlicherweise steht ja auch in unserem Bibeltext: “wer ein Leitungsamt begehrt, anstrebt”. Man soll und darf es auch selber wollen, man darf dazu stehen, diesen Posten reizvoll zu finden. Und “schön”, wenn man dann auch wirklich gewählt und gewollt wird und man weiß: Da gibt es Leute, die stehen hinter mir, die begleiten mich auch durch schwierigere Zeiten.
Aber “kalos”, “schön” ist in einem Leitungsamt ganz gewiss auch die mit dem Leitungsamt verbundene Macht! Au weia! Dummerweise darf man in der Kirche das üblicherweise nicht zugeben, denn die Rede von und der Umgang mit der Macht entsprechen in der Kirche dem Reden und dem Umgang mit der Sexualität vor 200 Jahren. Am besten, man hat sie nicht. Weil man sie aber hat, übe man sie heimlich aus und tute immer so, als habe man sie nicht. Und rede bloß nicht darüber, verwende sie ohne Freude oder verstecke sie hinter Jammern. Vor solch verklemmten und verschrobenen Macht-Habern aber will uns Gott bewahren. Als Leitungsverantwortliche hat man Macht, zu der man stehen darf. Der Begriff “Macht” beschreibt die Möglichkeiten, auf das Leben anderer Menschen oder auf eine Einrichtung Einfluss zu nehmen, mitzubestimmen, was wie getan werden soll. Diese Definition macht deutlich: Macht haben mehr Menschen, als es zugeben (oder als ihnen bewusst ist). Macht kann wohl gut oder schlecht ausgeübt werden – aber sie ist da und soll nicht als etwas Schlechtes dargestellt werden. Freilich – und deshalb auch die Warnungen vor charakterlich ungefestigten Amtsträgern, vor Geldgierigen, vor Maßlosen oder Gewalttätigen – Macht kann missbraucht, kann zum Bösen und Lebensfeindlichen verwendet werden. Auch in Kirche und Diakonie. Deshalb ist Macht wohl zu binden und zu kontrollieren – und an niemand anderem zu orientieren als an Jesus Christus selbst. Aber Macht soll nicht geleugnet, verschleiert oder schlecht gemacht werden. Sie ist in einem Leitungsamt da und darf auch mit Freude ausgeübt werden: um Gottes Wort und Liebe weiter zu geben, um für gute Arbeitsbedingungen der anvertrauten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gemeinde oder der Einrichtung einzutreten, um für eine hohe Qualität der geleisteten Arbeit zu sorgen, um mit Geld verantwortlich umzugehen, aber auch, um dem Geld einen deutlichen Platz hinter den Menschen zuzuweisen. Macht soll ausgeübt werden, auch um auch die unbequemen Dinge aussprechen, um der Öffentlichkeit in den Ohren zu liegen und Konflikte nicht zu scheuen. Das ist ein schönes Amt! Und das dürfen andere auch sehen: es gibt keinen Grund, Macht im Dienst der Liebe und für Menschen in unseren Einrichtungen verschämt oder verklemmt zu benutzen. Je offener, ehrlicher sie ausgeübt wird – auch mit der Bereitschaft, sich kritisieren und korrigieren zu lassen –, desto mehr macht es dann auch anderen Freude, selber mehr Verantwortung zu übernehmen und ihre eigene Macht als das ihnen Mögliche zu erkennen und einzubringen.

 

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